Rußlands Nachbarn
it seinen drei größten Nachbarn liegt Rußland im Krieg, mit einem — Japan — ist es in einem Zufallsbündnis begriffen, einen anderen — Persien — läßt es alle Schrecken der russischen Nachbarschaft schon seit Jahrzehnten, besonders aber in diesem Kriege durchkosten, den sechsten, Schweden, vergewaltigt es durch die Befestigung der Alandinseln, und mit dem siebenten — Rumänien —, wo der russische Rubel gerollt hat und immer noch rollt, ist sein Verhältnis während des Krieges eher schlechter geworden als besser. Norwegen schließlich bedroht es mit seinem Dränge ans offene Meer, wie es die Türkei ein ganzes Jahrhundert hindurch bedroht hat.
Es ist in der Tat kein angenehmes Gefühl, Nußlands Nachbar zu fein. Ein Staat fühlt das mehr, ein anderer — wie z. B. Norwegen — weniger. Dort macht man im glücklichen Gefühle seiner Kriegsgewinne und des durch den Krieg bedeutend gewachsenen Seehandels beide Augen zu und wendet sein Antlitz nur der Gegenwart zu — wünscht sogar nicht, daß Schweden, wo in vielen Kreisen die russische Gefahr klarer erkannt wird, seine Rechte durch aktive Schritte geltend mache. Ein Teil der norwegischen Presse geht soweit, im Unverständnis der wirklichen Interessen des Landes eine halb drohende Haltung dem schwedischen Nachbar gegenüber einzunehmen.
Schweden selbst kann sich offenbar vorläufig nicht entschließen, aus seiner Lage Nußland gegenüber Folgerungen zu ziehen, die es wirklich sichern. Rußland hat unter der Einwirkung der Steffenschen Interpellation im schwedischen Reichstag Verhandlungen angeboten, wohl auf englischen Rat, um auf dem Papiere die Rechte Schwedens nach dem Kriege zu garantieren. Manche Kreise in Schweden, die nur die Kriegsgefahr fehen und die Dringlichkeit der Frage leugnen, geben sich unklaren Ideen und Erwartungen hin. Man Grenzboten II 191« 21