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Maßgebliches und Unmaßgebliches
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Maßgebliches und Unmaßgebliches

Literatur

Riese» und Zwerge. Märchen und Sage sind Spiele der freischaffenden Phantasie, doch auch die Phantasie bedarf des Anstoßes, wenn sie in bestimmter Richtung arbeiten soll, und erst wer diese Anstöße kennt, kann sagen, er habe die beiden Dichtungsarten ursächlich erklärt. Die Aufgabe ist bei den Sagen verhältnismäßig einfach: sie wurzeln in historischer Zeit und geschichtlichen Realitäten,- ein Ort oder ein Vorgang irgendwelcher Art ist stets ihre Keimzelle. Eine solche Ursache kann sich unserer Kenntnis zufällig entziehen durch den Mangel einer Überlieferung oder durch die Unmöglichkeit, Sage und geschicht­lichen Vorgang in glaubhafte Beziehung zu­einander zu setzen grundsätzlich ist bei der Sage die Aufgabe lösbar und in der Masse der Fälle auch einwandfrei gelöst.

Dagegen ist das Märchen eine Dicht­form, deren Ursprünge weit vor aller Geschichte liegen. Wie es in kindlichen Gemütern am tiefsten haftet und in der Kinderstube seine liebste und eigenste Heimat hat, so stammt das Märchen als Gattung aus den Kind­heitstagen der Menschheit. Daß auch bei ihm Realitäten irgendwelcher Art der Phantasie­tätigkeit ursprünglich die 'Richtung gegeben haben, braucht nicht bezweifelt zu werden den Zusammenhang aufzuspüren und zweifels­frei nachzuweisen, kann jedoch hier nur in glücklichen Ausnahmefällen gelingen. Der Versuch dazu muß dennoch gewagt werden.

Gerade weil das Märchen eine uralte Form menschlichen Dichtens ist, wird man gut tun, bei diesem Versuch in der Zeit so­weit zurückzugreifen, wie nur immer möglich. Das erste, was wir von unseren germanischen Borvätern wissen, ist, daß sie in die meisten

der jetzt von ihnen bewohnten Gebiete in geschichtlicher Zeit eingewandert sind und daß sie dort fast überall eine ältere Bevölkerung verdrängt haben. Slawen, Römer, Kelten sind solche Vorbewohner, die wir mit Namen kennen; in vielen Ortsnamen und einer vielerorts deutlich erkennbaren Nassenmischung haben sie Spuren ihres einst sehr ausge­breiteten Daseins auf deutschem Boden hinter­lassen. Die Bodenfunde aber, die weiter zurückreichen, lehren, daß auch diese Slawen, Römer und Kelten nicht die ältesten Be­wohner Deutschlands waren, sondern daß wieder vor ihnen an vielen Stellen ältere Einwohner gesessen haben, Ureuropäer ver­schiedener Rassen, von denen nur ein Paar Geländenamen, ein Paar Hundert Gräber, Funde von Metallspangen und Tongefäßen geblieben sind. Soweit Wir zurückzublicken vermögen, ist auf unserem uralten Boden ein Auf und Ab verschiedener Rassen und Stämme zu beobachten, ein Hin- und Herwvgen der Völker, Besitznahme und Verdrängung und neue Anfüllung des Landes.

In kurzen Kampfzeiten haben sich Eroberer und Besiegte Aug in Auge geschaut, in viel längeren Zwischenpausen haben sie nur durch dunkle Überlieferung voneinander gehört, und das sind die märchenbildenden Zeiträume geworden. Der häufigste Weg, auf dem das deutsche Eroberervolk von den verdrängten Vorbewohnern Kunde erhielt, sind sicherlich Gräberfunde gewesen. Noch heutzutage wer­den z. B. am deutschen Oberrhein jährlich neue Gräberreihen aufgedeckt wieviel häufiger mußten solche Funde sein in den Jahrhunderten kurz nach Verdrängung der Urbewvhner, als diese Gräber noch viel zahl­reicher waren und noch nicht so tief unter dem Schutt der Jahrtausende lagen wie heute,