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Maßgebliches und Unmaßgebliches
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Maßgebliche und Unmaßgebliches

Erziehungsfrag en

Die deutsche höhere Schule nach dem Weltkriege. Der Streit um die höhere Schule, der vor kurzer Zeit wie ein Helles, durch Gaszufuhr aus dem Schützengraben genährtes Feuer emporgelodert war, hat sich einstweilen wieder etwas beruhigt. Einst­weilen, denn einmal, vor oder nach dem Frieden, wird es gewiß noch zu einem scharfen Gefechte kommen. Ob das dann schon die für die Zukunft unseres höheren Schulwesens maßgebende Entscheidungsschlacht sein kann, muß man leider bezweifeln. Dazu ist die Lage doch noch lange nicht genug ge­klärt, trotz des redlichen Willens, der immer wieder von oben und unten, von rechts und links daran gesetzt wird.

Es wäre zu wünschen, daß die Auf­klärungsarbeit öfter und auch weiterhin in so einsichtiger, ebenso für Laien wie für Fach­männer nützlicher Weise geschähe wie in dem Buche, das uns zur Besprechung vorliegt: Die deutsche höhere Schule nach dem Weltkriege. Beiträge zur Frage der Weiter­entwicklung des höheren Schulwesens, ge­sammelt von Dr. I. Norrenberg, Geh. Oberregierungsrat, Leipzig und Berlin, Teubner 1916. In 27 umfänglichen Auf­sätzen nehmen hier 24 Gelehrte, Theoretiker und Praktiker, zu den Fragen Stellung, die gegenwärtig in allen so oder so am höheren Schulwesen beteiligten Kreisen verhandelt werden.

Die Fülle und Mannigfaltigkeit des Stoffes macht es leider unmöglich, auf jede Abhandlung besonders einzugehen. Wird doch in manchen Aufsätzen der Stoff so gründlich und mit solcher Gelehrsamkeit behandelt, daß wan, um sich mit dem Verfasser auseinander­zusetzen, schon selbst wieder eine Abhandlung

schreiben müßte. Darum begnügen wir uns damit, auf das wertvolle Werk zu verweisen und einige Hauptergebnisse zusammenzustellen, aus denen zugleich wieder auf den reichen In­halt des Buches geschlossen werden mag.

Nicht um einen Neubau kann es sich bei der künftigen Gestaltung unseres höheren Schulwesens handeln, sondern höchstens um einen Ausbau. Was zu bessern ist, liegt in der Veredlung und Vertiefung des eigenen Wesens unserer höheren Schule, nicht in einer Umkehr oder in der Aufpfropfung einer ihr fremden Art.

Daher muß die Verbindung mit der Welt des Altertums ebenso aufrecht erhalten werden wie die Beziehung zu den Sprachen und der Kultur der modernen Völker. ES könnte für die deutsche Bildung kein größerer Fehler ge­macht werden, als wenn man versuchen wollte, sie, um sie auf sich selbst zu stellen, nach rückwärts oder nach außen abzuschließen.

Für den Ausbau ist ferner von der größten Bedeutung das Verhältnis der höheren Schule zur Universität und die Ausbildung ihrer Lehrer. Die höhere Schule darf nicht, wie es bisher vielfach geschehen zu sein scheint, der Hochschule mit wissenschaftlichem Fach­betriebe vorgreifen wollen; die Hochschule da­gegen muß bei der Ausbildung der künftigen Oberlehrer darauf bedacht sein, nicht Fach­lehrer, sondern nationale Erzieher heranzu­bilden. Diese Erzieher sollen nicht Theoretiker sein, Wohl aber wirklich Praktische Führer, Männer mit weitem Blick, die sich an mehreren Hochschulen umgesehen und sich durch Psycho­logische, pädagogische und hygienische Studien hinlänglich vertieft haben, um Persönlich­keiten, durch Erfahrung und Wissen gefestigte Berater und Freunde der Jugend sein zu können. Solche Lehrer werden dann jede Arbeit, die sie mit ihren Schülern treiben,