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Die Tragödie Georgiens : ein Kapitel aus der Geschichte des russischen Imperialismus
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Die Tragödie Georgiens

Lin Raxitel aus der Geschichte des russischen Imperialismus von L. Z. Klötzel

ie Geschichte des russischen Imperialismus zählt viele Kapitel; inhaltlich gleichen sie sich fast alle. Zu den wenigen Ausnahmen von dieser Regel gehört das finnländische und das georgische Kapitel. Während aber das Schicksal Finnlands weltbekannt ist, vollzog und vollzieht sich die georgische Tragödie bisher sozusagen unter Ausschluß der europäischen Öffentlichkeit. Es dürfte nicht wenig gebildete Mitteleuropäer geben, die im Zweifel darüber sind, wo auf der Landkarte der so fremd anmutende Name Georgien zu suchen sei.

Man kommt ihnen zu Hilfe, indem man Tiflis nennt. Im Kaukasus­gebiet, um den tiefen Ostwinkel des Schwarzen Meeres herum breitete sich im Altertum und während langer Jahrhunderte im Mittelalter ein selbständiges politisches und kulturelles Gebilde unter eigenen Fürsten, später unter einem Gesamtherrscher. Zur Zeit seiner größten Ausdehnung im sechsten vorchristlichen Jahrhundert umfaßte dieses Georgien die ganze süd­liche Landenge zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer, dazu den nordöstlichen Teil des heutigen Armeniens und kleinere Teile von Persien. Es ist auch heute noch kaukasisches und zum Teil armenisches Gebiet, auf dem die georgische Nasse wohnt und ihre eigene Kultur gegen den Zarismus auf der einen Seite, gegen das Armeniertum auf der anderen verteidigt. Die heutige russisch-türkische Grenze durchschneidet das georgische Sprach- und Kulturbereich. Auf russischer Seite sind die Gouvernements Tiflis, Kutais, Suchum, Batum, die Hälfte des Gouvernements Kars und Sakatala georgisch. Das sind etwa zwei Drittel des heute von den Georgiern bevölkerten Gebietes; das restliche Drittel gehört zu den armenisch-türkischen Wilajets.

Der Unterschied zwischen dem Schicksal der Georgier und dem der andern muß-rusfischen Völker besteht darin, daß sich die Georgier gleichsam selbst an Rußland ausgeliefert haben. Allerdings geschah das in der Erwartung, von zwei Übeln das kleinere gewählt zu haben, unter Formen, die geeignet erschienen, den Georgiern ihre nationale Selbständigkeit zu sichern und zu einer Zeit, in der das wahre Wesen des russischen Imperialismus noch nicht Z» erkennen war.