Auf dem toten Punkt
Russischer Brief
ie fragen mich, welche Eindrücke ich gegenwärtig von Rußland habe, wie es steht mit der Regierung, mit der öffentlichen Meinung, mit der Seele des Volkes in diesem Lande der „unbegrenzten Möglichkeiten" ?
Ich kann Ihnen eine erschöpfende Antwort darauf nicht geben, denn diejenigen Kreise, die schließlich einmal, wenn es zum Schlüsse kommt, den Ausscblag über die Geschicke des Landes geben werden, sind unberechenbar. Nur Gott weiß, was dort einmal beschlossen wird. —
Und Nikolai Nikolajewitsch und seine Clique? Der Großfürst thront im Palaste der Woronzow, denen der Zar soviel verdankt. Er hat versucht, die gesunkene Popularität dadurch aufzufrischen, daß er sich gegen die Regierung auf die Seite der Liberalen stellte. Er wollte in seinem kleinen Despotenbezirk auf despotische Weise diejenigen Freiheiten der Selbstverwaltung oktroyieren, die der Fürst Tscheidse bisher vergeblich für seinen Heimatsbezirk in Anspruch genommen hat. Nikolai und Tscheidze, nicht wahr, ein schönes Bild? Er scheints auch aufgegeben zu haben, denn über seine Pläne ist auf einmal ein verdächtiges Schweigen hereingebrochen. Also, wenns damit nicht zu machen ist, so vielleicht mit dem Kampf gegen die Türken? Winkt nicht Erzerum und von ferne ein anderes Ziel, das einst Herrn Sasonow so nahe dünkte und das doch so fern war? —
Aber die Leute sind keine Illusionisten mehr, wie einstmals. Sie sind bescheidener geworden in ihren Zielen. Diese Ziele haben fast an Wert für sie verloren, niemand spricht mehr von ihnen. Man weiß, es handelt sich nicht mehr um den großen Einsatz, nicht mehr „um Sieg" gehts — nur noch „um Grenzboten l 1916 9