Beitrag 
Der neue Sohn des Himmels
Seite
101
Einzelbild herunterladen
 

9er'neue Sohn des Himmels

von Lrich von Salzmann

er letzte Monat des Jahres nach neuer chinesischer Rechnung brachte der Welt die nicht ganz unerwartet kommende Kunde, daß der verwaiste Drachenthron in Peking von einer kraftvollen Persön­lichkeit bestiegen und damit eine neue Dynastie im Himmlischen Reich begründet sei. Dieser Vorgang, den uns der Draht in wenigen kurzen Worten meldet, und den wohl die meisten Leser jetzt im Welt­krieg wenig beachtet haben, ist alles andere als einsach. In dem auf buddhistisch- konfuzianischer Grundlage ruhenden ostasiatischen Riesenreich ist das gesamte Denken und Fühlen der vierhundert Millionen Einwohner, alle Äußerungen ihres Lebens von der Geburt bis zum Tode, ihre Anschauungen und ihr Tun und Treiben, bewußt oder unbewußt so eng mit dem Kult dessen verknüpft, was wirGott" nennen, daß der Gedanke einer Republik ein vollkommenes Unding ist. Das wählbare Oberhaupt einer Republik, also ein Mann, der vielleicht kurz vorher im Alltagsleben gestanden hat, und den womöglich jeder Mensch auf der Straße kennt, kann nach ostasiatischen Begriffen nie der Vermittler zwischen den armen Erdenmenschen und demGroßen unbekannten Etwas" sein.

Das Oberhaupt des Staates ist zugleich der höchste Ausdruck des Staats­kults, d. h. eben der mystische, dem profanen Auge der alltäglichen Menschen verborgene Sohn des Himmels. Der Staatskult in China ist identisch mit dem Kaiserkult. Der Kaiser als Vater eines ganzen Volkes, das sich stets als eine große Familie gefühlt hat, ist der Mittler zwischen Himmel und Erde. Himmel und Erde sind greifbare Dinge, es sind keine Dämonen, keine unsicht­baren Geister, Himmel und Erde sind etwas, was der Mensch täglich vor sich sieht, uud darum sind sie es, denen der Chinese in allererster Linie opfert. Zürnt der Himmel, so findet das seinen Ausdruck in großen Überschwemmungen, in den schrecklichen da draußen so verheerenden Taifun-Wirbelstürmen, in großen Seuchen, jederart täglichen Mißgeschicks, daß die Menschen treffen kann, und nicht zum wenigsten in Revolutionen und Kriegen. Diese letzteren haben in China stets Menschenopfer nach Millionen gefordert. Vor ihnen hat der Chinese eine besonders große Angst, denn der Krieg treibt ihn vielleicht von Haus und Hof. In keinem Lande auf Erden aber hängt die Familie ebenso wie der einzelne derart an seiner eigenen Scholle, wie da draußen in China. Der Krieg