Nationalkirchliche Phantasien eines Engländers
von Dr. Albert Werminghosf, Professor der Geschichte an der Universität Halle
or uns liegt der Auszug aus einem Aufsatze, den der englische Schriftsteller R. B. Sheridan in der Oktobernummer der „Nineteenth Century" veröffentlicht hat —, es verlohnt ihn zu wiederholen und alsdann mit Anmerkungen zu versehen, die der Bedeutung der darin ausgebreiteten Gedanken das Urteil sprechen sollen. Der Verfasser erinnert zunächst an das bittere Gefühl der Verlassenheit, das sich der Katholiken in den Ländern des Vierverbandes bemächtigt habe, dank nämlich der „wenig heldenhaften Neutralität", zu welcher der Papst in einem Augenblick seine Zuflucht genommen, als seine geistlichen Untertanen nach seiner Führung verlangten. Sie hatten eine Verurteilung der unaussprechlichen Greuel erwartet, gegen die das Haupt der belgischen Kirche, Kardinal Mercier, protestierte. Sie fühlen sich fast bloßgestellt durch das Schweigen ihres Oberhauptes. Geraten dadurch nicht die Bischöfe der katholischen Kirche in den kriegführenden Ländern in eine zweideutige Lage? Die neuerlichen Unterredungen des Papstes mit Journalisten, die eine nur wenig verschleierte Parteilichkeit für die Sache der Barbarei durchblicken lassen, mehr noch die Vorschrift eines Gebetes um Frieden für englische und französische Katholiken, dessen Wortlaut mehr im Sinne ihrer Feinde als in ihrem eigenen ist, hindern die Bemühungen der Bischöfe um die Förderung der Sache der Zivilisation. Belgien wird es nimmer verwinden, daß der Papst im kritischen Augenblick kein Wort in der Öffentlichkeit für sein Märtyrertum fand. Er hätte dazu gar nicht nötig gehabt, die ihm zugeschriebene Gabe der Unfehlbarkeit durch ein ex Lutdeära- Urteil anzuwenden. Jedenfalls, meint der Verfasser, würde es für die katholische Glaubensgemeinschaft weniger verhängnisvoll gewesen sein, wenn sich der Papst bei einer Gelegenheit dieser Art einmal geirrt hätte, als daß er gleichgültig blieb. Selbst eine neutrale Haltung schließt noch nicht die Möglichkeit aus, Grenzboten I 1916 6