Maßgebliches und Unmaßgebliches
Geschichte
Die Grabstätte» der römisch-deutschen Kaiser. In einer gesteigerten Gegenwart erwacht die Erinnerung an gesteigerte Vergangenheiten. Das Historische belebt sich; es rückt näher. Schon verblaßte Namen erneuern sich, Denkmäler künden deutlicher ihren Sinn, Orte und Gegenden werden zu Wallfahrtsstätten. Wie an kirchlichen Festtagen aus aller Welt die Pilger dem heiligen Grabe, den Reliquienkirchen der Heiligen zuströmen, so gedenkt man in Zeiten nationaler Erhebung der heroischen Taten der Vorfahren. Die Franzosen, wie demokratisch sie sonst auch gesinnt sein mögen, halten ihre alten Königsschlösser und den Dom von St. Denis hoch. Die Grabmäler der Päpste werden von den Italienern nicht so sehr als Denkmäler religiöser, als vielmehr nationaler Großtaten heilig gehalten. Den Russen ist das Testament Peters des Großen das Banner, unter dem sie um ihre Weltbeherrschung kämpfen, überall aber sind es vor allen: die Grabstätten der Könige, die zu Symbolen der Vergangenheit werden. Wenn nun in einem vor kurzem erschienenen Buch von Eugen Guglia: „Die Geburts-, Sterbe- und Grabstätten der Römischdeutschen Kaiser und Könige" Mit 92 Abbildungen. Wien, Anton Schroll K Co. Preis 15 Mk>) der Versuch unternommen wird, die Geburts-, Sterbe- und Grabstätten der römisch-deutschen Kaiser in chronologischer Reihenfolge, mit allen überlieferten Legenden und Nachrichten und einem überaus zahlreichen Abbildungsmaterial zusammenzustellen, so wird solchem Versuche, schon vor dem Kriege geplant, erst durch den Krieg die volle Wirk
samkeit gegeben. Denn nun wird dieses Buch im wahrhaften Sinn ein Werk der Pietät. Und eine solche Übersicht der dynastisch- bedeutungsvollen Stätten mag für die deutschen Könige bedeutender sein als für französische und englische: denn sie bleibt nicht innerhalb der Grenzen des jetzigen Staates. Vielmehr zeigt sie, wie Deutschland in Zeiten besonderer Macht weit ausgespannt war, wie es zeitweilig als Kernbesitz noch Österreich, die Niederlande, Belgien, die Schweiz, Teile Italiens, das französische Lothringen, die I^rancns-Lomtö, Lyon, Spanien und Ungarn umfaßte.
So gibt dieses Buch, das eigentlich nichts anderes als eine chronologische Aneinanderreihung der historischen Orte unternimmt, viel mehr, als in seinem engeren Zweck liegt: es gibt eine Geschichte des Deutschen Reiches selbst. Man könnte beinahe sagen, daß die Lage der Geburts- und Grabstätten die Tendenz der Politik angäbe. Am Beginn der Wanderung steht die Grabstätte Karls des Großen, Aachen, das gleichsam zwischen Deutschland und Frankreich liegt und seinen Dom nach itlllienisch-ravennatischem Muster gebaut hat. Also ein Signum der internationalen Herrschaft, die dieser Kaiser ausgeübt hat, der aus dem Fränkischen stammte, die deutschen Stämme unterwarf und in Rom zum Imperator gekrönt wurde. Diese Weltpolitik, mehr oder minder von seinen Nachfahren traditionell ausgeübt, wandelt sich unter den Ottonen zu einer ausgesprochen italienischen: und so wird Otto der Zweite in der Peterskirche zu Rom begraben, und Otto der Dritte stirbt auf der Burg Paterno bei Livita Lastelwna am Fuße des Soracte. Später