Ethik und Politik
von Prof. Dr, Otto v, d, pfordten
er Ethiker ist meist in übler Lage, wenn er sich auf das Gebiet der Politik wagt; man ruft ihm ein „Hände weg" zu und verbittet sich gern seine Einmischung als völlig störend und unerwünscht. Dennoch gibt die Ethik ihren Anspruch, da mitzureden, niemals auf, und mit vollem Recht: beruht doch ein wesentlicher Teil der internationalen Beziehungen, das Völkerrecht, durchaus auf ethischen Forderungen und hat gar keinen anderen Existenzgrund; Klugheit und Schlauheit haben es nicht geboren und iver es verletzt, versündigt sich an dem moralischen Gewissen der Kulturmenschheit, nicht an den Geboten diplomatischer Weisheit. Damit nun aber nicht jeder „Realpolitiker" das Folgende als Utopie von vornherein verwirst, sei gleich zweierlei zugestanden.
Die Gebote der Klugheit besitzen in der Politik, vor allem der äußeren, einen gewissen Primat gegenüber den Ansprüchen der Ethik und es ist das Gebiet, aus dem sich Ideale und Veredelungen am schwersten und spätesten durchsetzen. So ist heute noch der Egoismus die Tugend der Staaten nnd von einen: Altruismus, der Fürsorge für einen anderen, kann keine Rede sein. Nicht für ewig; eine Undenkbarkeit liegt nicht vor. Das zeigt gerade der verlogene Vorwand, unter dem Rußland, Frankreich und England den Krieg begannen. Sie wollten das arme unschuldige Serbien, das unter unserer Barbarei seufzende Elsaß, das ganz unschuldige, harmlos-neutrale Belgien schützen, befreien, verteidigen. Wir wissen alle, daß Serbien tatsächlich eine Mörderbande und Herd aller Balkanwirren war, Elsaß unter deutscher Herrschaft blüht und gedeiht und der Errettung nicht bedarf, Belgien seine fromme Grenzboten IV 1914 17