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„Jahresringe" des deutschen Heeres
Line Plauderei Von Hans Werner Tannheim
„Einen Regenbogen, der eine Viertelstunde steht, sieht man nicht mehr an/'
(Goethe: „Sprüche in Prosa.")
ur zu leicht sind wir geneigt, Errungenschaften, die uns Gemeingut geworden sind, „nicht mehr anzusehen," das heißt, sie als etwas Selbstverständliches hinzunehmen, ohne der Unsumme von Arbeit und Mühe zu gedenken, welche erforderlich war, um sie zu schaffen. Gerade deshalb aber scheint es mir lohnend, einmal die letzten „Jahresringe" des deutschen Heeres, will sagen den Wuchs und die zum Aufbau erforderliche, staunenswerte Arbeit im Heere, während der letzten zwei Jahrzehnte zu betrachten.
Ganz leise und sacht ist immer eine Änderung nach der anderen gekommen und in Fleisch und Blut des Heeres übergegangen. Der aktive Offizier gleitet in die Neuerungen hinein, sie sind ihm nichts Auffälliges, er steht „den Regenbogen" nicht mehr an, während uns, die wir militärisch erzogen wurden und doch nur zeitweilig Einblick in das Getriebe tun, das Phänomen dauernd ein solches bleiben und als solches immerfort in seinen Bann ziehen muß.
Beileibe sollen hier nicht alle bedeutenden Fortschritte auf militärischem und militär-technischem Gebiete gewissenhaft registriert und besprochen werden, nein, wir wollen nach Anzeichen unbedingter Lebenskraft schürfen und das Vorhandensein „immer strebenden sich Bemühens", welches allein Sieg und Erlösung bringt, feststellen. —
Fußen wir auf einigen Gesprächen meines Kompagniechefs mit mir, aus der Zeit, da ich eintrat.
Er: „Fähnrich, das deutsche Heer ist ein Uhrwerk, der einzelne aber ein Rad, beziehungsweise ein Rädchen. Sie sind bloß 'ne Schraube. Verstanden?" Ich: „Zu Befehl, aber ich dachte ..." Er: „Sie haben gar nichts zu denken, Fähnrich." Ich: Zu Befehl." — Das war im Jahre 1893. Einige Jahre später. Er: „Herr Leutnant Tannheim, merken Sie sich, wer das meiste Gehalt bekommt, hat recht, und das bin ich in diesem Fall." Ich: „Zu Befehl." —
Damit will ich sagen, daß noch in den neunziger Jahren jener altpreußische Drill und jene unbedingte Unterordnung unter den Willen des jeweilig höchsten Vorgesetzten herrschten, die nur sehr geringen oder gar keinen Spielraum für geistige Regungen der Untergebenen zuließen. Mit dieser „eisernen" Disziplin im Leibe tat man aber auch unbedingt alles, was „er" befohlen hatte.