Maßgebliches und Unmaßgebliches
Politik
Staatcnbund von Nordeuropa. Der
große Gemeinschastsgedcmke, der in der friedlichen Entwicklung des letzten Menschenalters so stark in den Vordergrund getreten ist und sich auf so vielen Gebieten segensreich erwiesen hat, ist nun auch im Kriege zu einer kaum geahnten Geltung gelangt. Trotz der höchsten Anspannung aller Kräfte, die wir in Deutschland bewundern durften, die bis zu einem gewissen Grade auch bei den übrigen kriegführenden Machten beobachtet werden konnte, scheint es doch auf allen Seiten von vornherein für notwendig erachtet zu sein, eine Vereinigung von Kräften anzustreben, um den Erfolg der eigenen Anstrengungen zu verstärken und zu sichern. Ist diese Erkenntnis bei den Großmächten, selbst über die Grenzen Europas hinaus, durchgedrungen, so daß in der Tat ein Weltkrieg entbrannt ist mit besonderem Gepräge, so ist die Lage der mitten zwischen den Kämpfendcn liegenden kleineren Staaten eine doppelt schwierige geworden. Unsicher war sie im Grunde immer, wenn man die Wahrheit sagen will. Dabei war und ist es nicht entscheidend, ob die einem solchen Staatswesen benachbarten Mächte tatsächlich Eroberungsgelüste hegen. Jedenfalls besteht die Befürchtung, und sie ist aus keine Weise zu bannen, nicht durch die stärksten Tatsachen, auch uicht durch den dreiundvierzigjährige.n Frieden, den Deutschland bewahrt hat. Die beständige Sorge, verschlungen zu werden, ist aber nicht allein für das Selbstbewußtsein eines ehrliebenden Volkes drückend und auf die Dauer unerträglich, sondern sie schädigt auch Handel und
Verkehr und untergräbt das Ansehen der Regierung. Denn jede Regierung muß den Wunsch hegen, der Bevölkerung diejenigen Steuern zu ersparen, die H einem großen Staatswesen mit großen Zielen unerläßlich sind, sie muß aber auch aus dem begreiflichen Gefühl der Unsicherheit heraus wünschen, nach Möglichkeit für den Schutz der Grenzen zu sorgen. Beides wirksam miteinander zu vereinigen, ist offenbar schwierig, wenn nicht unmöglich Ein naheliegendes, warnendes Beispiel tleinstaatlicher Ohnmacht bietet das Schicksal des Königreichs Belgien. Trotz der völkerrechtlich verbürgten Neutralität wurde Belgien innerhalb weniger Tage zum Kriegsschauplatz für Franzosen, Deutsche und Engländer. Nachdem Frankreich sich die belgische Willfährigkeit gesichert hatte, rückten die deutschen Heere ein. Dann folgten die Engländer, selbstlos wie immer, nur von strengem Nechtsgefühl, von der Empörung über den Bruch der belgischen Neutralität und von reiner Menschlichkeit dazu getrieben, Millionen Menschen ins Unglück zu stürzen. Eine einfache Wahrheit trat nun zutage: ein Land, das nur vom Völkerrecht geschützt wird, ist schutzlos. Kann es sich nicht selbst mit seinen Waffen schützen, so bleibt nichts weiter übrig, als daß es seine Kräfte mit denen Stärkerer vereinigt. Nur so kann es dem unwürdigen Schicksal entgehen, zum Spielball fremder Mächte zu werden. Die Unabhängigkeit des Kleinstaats ist ein leeres Wort. Will der Staat seinen Bestand sicherstellen, will er Tatsachen an die Stelle von Worten setzen, so muß er sich dauernd mit einem Großstaat verbinden, der sich auf seine eigene Kraft stützt und stützen kann. Ist