Japan und (Lhina
Von Geheimen Admiralitätsrat Dr. Schrameier
apans Vorgehen hat nach einer telegraphischen Meldung aus Rom die Vereinigten Staaten von Amerika aufs tiefste erregt. Seine Absicht, sich territorial in China auszubreiten, sei klar. In London mache der Alarm der New Uorker Presse großen Eindruck.
Über die Vorgänge in Ostasien gelangen nur sporadisch Nachrichten nach Deutschland. Vor einigen Tagen erfuhr die Frankfurter Zeitung aus Peking, daß zwei japanische Kreuzer vor Laitschoufu erschienen seien, um Truppen zu landen. Dieser Hafen liegt an der Nordküste Schantungs, westlich von Tschifu. Es ist chinesischer Boden z eine etwaige Ausschiffung von Truppen würde also einen Neutralitätsbruch bedeuten. Ob China in der Lage und bereit ist, einer Verletzung der Neutralität mit der Waffe entgegenzutreten, ist schwer zu beurteilen. In diesem Zusammenhang gewinnen weitere Meldungen aus Washington, wonach Japan ein größeres Expeditionskorps ausrüstet, Bedeutung.
Sollte die Meldung auf Wahrheit beruhen, so liegt, da die Verschiffung der Truppen nach Europa trotz französischer Hilferufe allzu phantastisch erscheint, der Gedanke nahe, daß die Verwendung der Truppen sich gegen China richtet. Die von England, Rußland und Frankreich längst beabsichtigte Aufteilung Chinas würde durch einen Vorstoß Japans einer gewissen Lösung entgegengeführt werden.
Chinas Aufgabe würde sich damit verschieben. Nicht nur für die Ehre seiner Neutralität, sondern für die Sicherheit und den Bestand seines eigenen Reiches müßte es eintreten. Der Krieg würde damit auf den ostasiatischen Schauplatz in weit größerem Umsange, als bis jetzt angenommen werden konnte, übergreifen.
Grenzboten III 1914 24