Maßgebliches und Unmaßgebliches
Biographien
Ernst Moritz Arndt. Ein Lebensbild von Ernst Müsebeck. Erstes Buch: Der junge Nrndt 17K9 bis 1815. Gothci 1914, Fr. A. Perthes.
Mit diesem Werk hat Müsebeck einen Teil der schweren Ehrenschuld abgetragen, die das deutsche Volk Arndt gegenüber einzulösen hat. Er hat die Aufgabe so tief erfaßt wie nur möglich; davon zeugten schon seine zielbewußten und glücklichen Einzelforschungen und seine schöne Quellensammlung „Gold gab ich für Eisen", deren gedankenvolle Einleitung dem Leser der Arndt-Biographie um so mehr Freude machen wird, als er hier die ihm bekannten Gedankengänge wiederfindet, zum Teil wörtlich und doch in anderem Lichte.
Müsebeck hatte eine gewaltige Arbeit zu leisten- er hatte nicht nur die mangelnde kritische Gesamtausgabe durch eigene Sichtung und Sammlung zu ersetzen — was ihm manchen glücklichen Fund erbrachte —, er hatte auch die Lücken der Entwicklungslinien auszufüllen und schließlich Arndt in die Geschichte des deutschen Idealismus einzureihen. Daß er das in tiefbegründender, wissenschaftlicher und schöner Darstellung —, die, wie auch das Vorwort zeigt, an Dilthey geschult ist, getan hat, wird immer sein hohes Verdienst bleiben. Er hat Arndt die Stelle, die man iym in seiner Generation bisher mehr gefühlsmäßig gegeben hatte, wissenschaftlich zugewiesen, indem er Eigenes und Fremdes, Persönliches und Allgemeines, das sich fast unauflöslich in Arndts energisch aneignendem und verarbeitendem Wesen miteinander ver
schlang, aufwies und nacherlebte. Daß ihm manches entging (siehe neuerdings Zentralblatt für Bibliothekswesen XXXI, 4. Heft, April 1914, S. 168 ff.), ist bei der Fülle der Einzelaufgaben Wohl zu verzeihen. Ziemlich verhängnisvoll scheint mir dies jedoch gewesen zu sein bei der Darstellung des ersten Aufenthaltes in Schweden (1803/1804); Müsebeck hat hier anscheinend unterlassen, die Briefe Arndts an seinen Freund E. von Weigel, die Arndt 1847 veröffentlichte, zu benutzen. Sie gewähren einen viel besseren Einblick in die tieferen Anlässe zu jener Reise, die Arndt unternahm, um — kurz gesagt — ein Vaterland zu suchen. Daß Müsebeck es ferner unterließ, die schwedische Literatur für die Darstellung des zweiten Aufenthaltes in Schweden heranzuziehen, scheint mir nach meinen bisherigen Forschungen ebenfalls eine ziemlich schwere Unterlassungssünde gewesen zu sein. (Näheres darüber später.) — Nicht zustimmen kann ich Müsebeck ferner in der Beurteilung de- „revolutionären .Kurzen Katecknsmus'" (1812). Er nimmt zu ihm — und merkwürdigerweise nur zu ihm — Stellung nicht nur als der? stehender Historiker, als LebenSfvrscher im Sinne Diltheys, der den Willen eines Menschen und seiner Zeit ganz als Selbstzweck, in seinem Eigenwert zu erfassen sucht, wie jeder echte Historiker, sondern auch — er gestatte das Wort — als ethischer Politiker. Dadurch kommt ein Riß in seine ganze, sonst sehr kluge und feinsinnige Erörterung, deren Polemik gegen Max Lehmcmn mir nicht gerechtfertigt, sondern ziemlich gekünstelt erscheint. Welche Folgen jener Grundfehler im einzelnen hat, muß ich an anderer Stelle