9er Arieg
— Die Umwertung aller Werte
von Dr, w, Warstat
s ist etwa dreißig Jahre her, da predigte Friedrich Nietzsche uns Deutschen und der ganzen Welt die Umwertung aller Werte. Heute, in den Tagen des Kriegs, erfahren wir tatsächlich eine Umwertung aller Werte, nur in ganz anderem Sinne als sie Friedrich Nietzsche geträumt hat.
Friedrich Nietzsche sang uns das Lied von der Persönlichkeit, er stellte als das letzte Ziel aller Kulturentwicklung die höchst entwickelte, selbstherrliche Persönlichkeit hin, den Übermenschen, dessen Tugenden Selbstgewißheit, ja Selbstverherrlichung, Kriegsmut, Gewalttätigkeit neben Hoheit und Willensweite sind. Er versuchte uns zu zeigen, daß der Entwicklungsgang der Kultur unter dem Zeichen des Individualismus stehe und zum Edelmenschen, der immer ein Emzelmensch, ein „Einsamer" sein müsse, hinführe.
Wenn man nicht zugestehen will, daß Nietzsches individualistische Philosophie dem Entwicklungsgange unserer Kultur gänzlich neue Bahnen gewiesen habe, wenn wan nicht zugeben will, daß sie ihn von Grund aus in eine neue Richtung eingestellt habe, so ist es doch sicher, daß Nietzsches Individualismus der ahnende und prophetische Ausdruck einer Kulturrichtung gewesen ist, die unserer Zeit im Blute lag, und es muß zugegeben werden, daß unter dem Einfluß seiner Philosophie der individualistische Drang in unserer Kultur schneller tatsächliche Formen angenommen hat, daß er schneller Wirklichkeit geworden ist, als es sonst der Fall gewesen wäre, so wie ein Kunstwerk, das aus dem Geist der Zeit erwacht, dem Fühlen und Denken Tausender Gestalt verleiht. Auch in diesem Sinne ist Friedrich Nietzsches Philosophie ein Kunstwerk.
Das wirkliche Leben hat die Spur verfolgt, die Friedrich Nietzsche im Reiche des Geistes geprägt hatte. Auf Grund objektiver Gesetze wurde unsere Kultur und unsere Weltanschauung immer mehr individualisiert. Die wachsende Kompliziertheit des wirtschaftlichen Lebens und die wachsende Intensität des wirtschaftlichen Kampfes verlangte von jedem Kulturmenschen, d. h. von jedem Menschen, der innerhalb dieses Lebens und dieses Kampfes nicht den letzten Platz einnehmen wollte, ein immer gesteigertes Maß von Fähigkeiten und Bildung, mindestens von Fachbildung. Und in demselben Maße, wie die Ansprüche an den einzelnen stiegen, stieg auch die Bewertung des Einzelmenschen.
Allerdings erfolgte diese Bewertung in den seltensten Fällen nach den subjektiv - aristokratischen Normen, unter die Friedrich Nietzsche sein Denken