Von der künstlerischen Aufgabe der Wissenschaft
von Prof. Dr, Wilhelm Martin Becker
!ie allgemeine Ansicht der heutigen Zeit weiß von einem grundsätzlichen Unterschied zwischen Wissenschaft und Kunst*). Nach ihr befaßt sich die Wissenschaft mit der fortgesetzten Anhäufung erkannter Tatsachen; die Kunst dagegen bietet in ihren Werken den Ausdruck des innersten Lebens ihrer Zeit. Die Wissenschaft könnte man hiernach als die additive Geistestätigkeit begreifen, insofern sie zu dem früher Gewußten Neuerkanntes hinzufügt, die Kunst als eine prokrealive, da sie ohne Rücksicht auf früher Geschaffenes ein Neues hervorbringt. Die Wissenschaft wäre zeitlich unabhängig, weil sie objektive Wahrheiten sammelt, die Kunst nur aus ihrer Zeit begreiflich und in der Hervorbringung ihrer Werke subjektiv bestimmt.
Es kann nicht geleugnet werden, daß diese Entgegensetzung den Anschein für sich hat. Insbesondere pflegt man die Fortschritte der Naturwissenschaften und der darauf beruhenden Technik als augenfällige Argumente für das additive Wesen der Wissenschaft anzuführen. Entdeckung reiht sich an Entdeckung, Erfindung an Erfindung, der Stoff wächst zusehends, und mit Bienenfleiß arbeiten Tausende von Gelehrten an der weiteren Vermehrung des Gewußten. Auch auf die Fortschritte der geschichtlichen Erforschung vergangener Zeiten könnte man hinweisen, wo neue Jnschriftenfunde, neue Grabungen, neue Urkundeneditionen die Menge der Kenntnisse fortgesetzt bereichern.
Aber hier muß man schon eine Einschränkung machen. Wenn die eingangs erwähnte Zielsetzung für die Wissenschaft unserer Tage gilt, so ist dies doch
*) Als Beleg diene folgende Äußerung des Straßburger Kunsthistorikers Dehio in einem kürzlich gehaltenen Vortrage: „Die Geschichte der menschlichen Phantasiearbeit, der Kunst, verläuft in wesentlich anderen Formen als die Geschichte der auf Verstand und Wissen beruhenden Geistestätigkeit. Diese ist fortlaufende Addition; das Zeitmaß des Fortschrittes wechselt wohl zwischen schnell und langsam, aber immer ist es Fortschritt. Die Fortschritte der Wissenschaft und Technik lassen sich sozusagen kapitalisieren, die Fortschritte der Kunst nicht. Oder doch nur insoweit, als sie zugleich Wissen und Technik sind. Die Kunst muß immer wieder von vorn anfangen, denn ihre Aufgabe istS, das wechselnde innere Leben der Zeit als Bild auszukristallisieren. . (Steinhausens Archiv für Kulturgeschichte, Bd. XII S. 1).