Nationalpolitik und Staatspolitik
Bad Gastein, den 25. Juli 1914. on Zeit zu Zeit werden wir Deutschen unbarmherzig vor die Erkenntnis gestellt, daß die Politik des Deutschen Reiches, also die deutsche Staatspolitik, im schroffen Widerspruch zu deutscher Nationalpolitik steht. Von Zeit zu Zeit wird es uns zum Bewußtsein gebracht, daß die kaltblütig und folgerichtig durchgeführte nationale Politik, jene imperialistische Kulturpolitik, die die Führer unserer nationalen Verbände nach innen und außen bewußt erstreben, die die breiten Schichten unseres gebildeten Bürgertums und auch die großen Massen unbewußt ersehnen, in direktem Widerspruch zu den Bedürfnissen der deutschen Staatspolitik steht. Das Schlagwort nationale Wirtschaftspolitik wird für uns ein Anachronismus. Das Bestreben unserer Staatspolitik uns satt und reich und zufrieden zu machen, schwächt die deutsche Nationalität, weil es die bodenständigen und mit der Hand arbeitenden Schichten, auf denen die Stärke und Zukunft eines jeden Volkes beruht, auflöst und an ihre Stelle sremdstämmige, bei uns die Polen, gelangen läßt, die Mehrzahl der Emporgekommenen aber zur Verweichlichung zwingt. Besteht dieser Widerspruch schon in der allgemeinen Wirtschaftspolitik des Deutschen Reichs, so wird in unserem Zusammenhange das, was heute als „nationale Industriepolitik" oder als „nationale Agrarpolitik" geht, geradezu zur Lüge. In einem Volk, das soviel volksfremde Arbeitskräfte nötig hat, wie das Deutsche, um seine mobilisierten Geisteskräfte zu betätigen und seine Ansprüche an Wohlbehagen zu befriedigen, kann unter der Herrschaft gleichen Rechts sür alle weder Agrarpolitik noch Industriepolitik national sein. Wäre sie Grenzbotm III 1914 10