Maßgebliches und Unmaßgebliches
Schöne Literatur
Zweisprachige Dichter. Seit Goethe den Begriff „Wellliteratur" geschaffen und als der sozusagen erste „gute Europäer" nicht die deutsche nur, sondern auch die fremde, die ausländische Kultur aufzufangen, in sich zu pflogen und zu verarbeiten begonnen hat — seit dieser Zeit eines beginnenden Kulturkosmopolitismus sehen wir die Völker Europas, voran die Deutschen, eifrig bemüht, nicht nur Bodenschätze uud Werkstatterzeugnisse, sondern auch Literaturwerte auszutauschen. Dieser Austausch wird möglich durch Übersetzertätigkeit, die für eine Reihe von Leuten in allen Ländern zu einem Eigen- bcruf geworden ist. Wir sind heute so weit, daß wir nicht nur den Homer, den Dante, den Shakespeare, den Goethe in allen Hauvt- und Nebensprachen lebendig wissen — vor nicht langer Zeit erst wurde in den Zeitungen über Faust-Aufführungen in japanischer Sprache aus Tokio berichtet —, sondern auch die kleinere literarische Gegenwart jedes Volkes Gemeingut aller werden sehen. HervorragendeSchriflsteller und Dichter, ja auch nicht - hervorragende, nur „Populäre", nur von Sensationen emporgetragene sind heutigen Tages Menschheitsbesitz. Erlebten Wir es doch, daß Bernhard Kellermanns Roman „Der Tunnel", der literarisch gesehen nicht mehr als besseres Mittelgut, stofflich betrachtet aber freilich echtestes Zeiterzeugnis ist, noch im Jahr seines Erscheinens in die englische, dänische, norwegische, schwedische, russische, polnische, lettische, spanische, französische, böhmische, holländische und ungarische Sprache übersetzt wurde I Ein redendes Zeichen für das geistige Zusammenwachsen der heutigen Kulturvölker. Aber nur eines von vielenI Den Werken der Dostojewski, Tolstoi, Maupassant, Shaw, Gerhart Hauptmann und vieler anderer Nenzeitlichen
blühte nicht minder der Erfolg auf dem internationalen Markte. Und wir Deutschen, in Sachen des Kulmrkosmopolitismus von jeher voran, besitzen oder besaßen ja eine eigene Zeitschrift, die nichts anderes als aus fremden Zungen übersetzte Dichtungen brachte.
Bei soviel allseitig sich geltend machender Neigung für fremdsprachliches Literaturgut ist eine Neuerung in der Herausgabe dieser Literatur, mit der der Tempelverlag den Anfang -gemacht hat, so zeitgemäß wie dankenswert. Der Tempelverlag, dessen vornehm-künstlerisch ausgestattete und dabei bemerkenswert billige Klassiker bekannt sind, hat es unternommen, einige der bedeutendsten Werke der Weltliteratur in zwei Sprachen herauszugeben. Auf der linken Seite hat man den Urtext, rechts daneben die deutsche Übertragung. In dieser Anordnung sind der Homer und das Nibelungenlied, Shakespeares „Hamlet" und „Romeo und Julia", der „Svmmernachtstranm" und das „Wintermür- chen" „Othello" und „König Lear" bereits herausgekommen. Der Genuß der Lektüre dieser zweisprachigen Bücher ist ein ganz eigenartiger. Man kennt von der Schule, kennt von der privaten Lektüre her seine Odyssee, seinen Hamlet stellenweise auswendig, aber mehr dem Wortsinn als dem urtextlichen Worte selber nach. Nun schlägt man diese Stellen auf, geht diese und jene Szene durch, und da findet man zu seiner Freude die altvertraute Wortwendung, den entfallenen Vers gleich links nebenan wieder. Dies Wiederfinden leitet zu nener Vertiefung. Man geht ganze Akte, ganze Gesänge von vorne au durch, vergleicht Urtext und Übersetzung, entdeckt neue Schönheiten, empfindet auch wohl Mängel der Verdeutschung, die man zu verbessern versucht, und indem man so mit den Teilen verwächst, wird das Ganze der Dichtung lieber und vertrauter. DaS zweisprachige Buch führt tiefer in den