Maßgebliches und Unmaßgebliches
Bildungsfragen
Znr Scminarreform in Sachsen. In
Nr. 23 der Grenzboten beschäftigt sich Herr Dr. Quandt mit der Frage der Seminarreform in Sachsen. Er bedauert zunächst, daß die ins Seminar aufgenommenen Knaben das letzte Volksschuljahr verlieren und damit die Stätte, an der sie später wirken sollen, nicht vollständig kennen lernen. Für das erste erscheint das auch als Nachteil. Aber wenn man sich überlegt, daß eine beträchtliche Anzahl von Seminardirektorcn und -lehrern (Theologen und Kandidaten des höheren Schulamts) sogar die letzten vier Schuljahre nicht durchgemacht und trotzdem mit bestem Erfolge zukünftige Volksschullehrer erzogen haben, kann dieses Prinzip des Selbsterlebens in dem Falle doch nicht so ausschlaggebend sein. Und wäre es ein geringer Nachteil, so muß uns mit ihm die pädagogische Erwägung vollkommen aussöhnen, daß man fremde Sprachen je früher um so besser zu lernen beginnt, ferner die Tatsache, daß der angehende Seminarist in der zukünftigen Septima alles das wiederfinden wird, was er durch den Verlust des achten Schuljahres entbehren muß, und die Borteile, daß ein Zusammenarbeiten der aus den verschiedensten Schulen stammenden Knaben auf dieser Stufe viel leichter vor sich gehen wird als bisher — was natürlich nur der beurteilen kann, der mehrere Jahre in der jetzigen untersten Klasse eines Seminars arbeitete — und daß sich für den Knaben, der sich zum Lehrerberufe nicht eignet (das erste Jahr ist Probejahr! vgl. Pr.-O.). die Möglichkeit ergibt, mit vierzehn Jahren, also in dem allgemein üblichen Alter, einen anderen Beruf zu ergreifen. Übrigens ist es
eine schon allgemein beobachtete und festgestellte Erscheinung unserer Gegenwartskultur, daß man die jungen Leute möglichst frühe für den zukünftigen Beruf vorzubereiten versucht; die Gründe dieser Erscheinung sind verschiedenster Natur. Daß natürlich die Volksschule durch Abgang einiger besserer Schüler nach dem Seminare in ihrer obersten Klasse gute Kräfte verliert, ist klar. Aber bedauert etwa der Lehrer an anderen höheren Schulen die Tatsache allzusehr, daß er der Volksschule für die letzten vier Schuljahre die besten Schüler entzieht? — Daß man Platz für eine neuere Fremdsprache am Seminare durch „weise Mäßigung" in anderen Fächern schaffen und so das siebente Jahr vermeiden konnte, ist eine uns Seminarlehrern nicht neue Ansicht, deren Verwirklichung dem Vorwurf der Oberflächlichkeit im wissenschaftlichen Betriebe, der bisher schon dem Seminare von gewisser Seite aus gern gemacht wurde, zu seiner Berechtigung verhelfen würde.
Herr Dr. Quandt wendet sich dann zu den Anforderungen, die an die Seminarkandidaten bei der Aufnahmeprüfung gestellt werden. Er glaubt, daß nun „der schon jetzt leider von ehrgeizigen Lehrern in Klassen mit Seminaranwärtern . . . geübte Examensdrill (Anm. d. Verf.: Von dem wir Seminarlehrer bis jetzt herzlich wenig gespürt haben!) noch weitere Dimensionen annimmt, ja zur Notwendigkeit wird." Wir sind vom Gegenteil überzeugt. Wer die Anforderungen für die Aufnahmeprüfung aufmerksam durchliest, dem muß klar werden, daß sie gerade versuchen, die übermäßige Bewertung des eingedrillten Wissens auszuschalten und der Denkfähigkeit, der geistigen Beweglichkeit, die beim Stadt- und Landkinde bis zu gewissem