Ludwig Krähe ^
Schriftleitung und Verlag der Grenzboten wurden heute von einem harten Schlage betroffen. Unser Mitarbeiter, Dr. MI. Ludwig Krähe, ist, fünfunddreißig Jahre alt, in der Nacht von Sonntag zu Montag an Den Folgen einer Gasvergiftung gestorben.
Ludwig Krähe, ein Berliner Kind und besonders reich mit den sympathischen Seiten dieser Menschenklasse ausgestattet, war der Sohn eines Stadtschulrats in Halle a. S. Er hatte in München, Bonn und Berlin fröhlich Philosophie und Literaturgeschichte studiert und gehörte zu dem literarischen Kreise von Erich Schmidt. — Seine Neigungen lagen auf ästhetischem und musikalischem Gebiet. Mächtig zog es ihn zum Theater. In den Konzertsälen Berlins war die hagere Gestalt mit dem kleinen Kritikerkopf, dem auch die scharfen Augengläser das Wohlwollen als markantestem Zug des Gesichts nicht verwischen konnten, wohl bekannt.
Das Amt als Redakteur bei den Grenzboten, das als eine Lebensaufgabe für ihn gedacht war, hat er mit großer Sachkenntnis, Umsicht und Wärme ausgefüllt. Ein lieber Geselle, den wir gern Freund genannt hätten, ist von uns geschieden. Ehre seinem Andenken!
Berlin, den 22. Juni 1914.
Grenzboten II 1914