Hoetzsch: Rußland
von George Lleinow
er Blick, den wir jüngstens hinter die Kulissen der russischen Politik geworfen haben, wird manchen unserer Leser mit dem Wunsche erfüllen, mehr und zusammenhängenderes über Rußland und die Russen zu erfahren. Da will es nun ein erfreulicher Zufall, daß gerade in den letzten Monaten drei Bücher über Nußland in deutscher Sprache erschienen sind, die, von einem Russen, einem Deutschen und einem Tschechen geschrieben, zusammengenommen, ein ziemlich abgerundetes Bild vom heutigen Rußland, von seinem Wollen und Wesen geben. Ich empfehle sie in folgender Reihe zu lesen: Fürst G. Trubetzkoj. Rußland als Großmacht (Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1913. Preis 4 Mark), Otto Hoetzsch, Rußland, Eine Einführung auf Grund seiner Geschichte von 1904 bis 1912 (Druck und Verlag von Georg Reimer, Berlin 1913. Preis 10 Mach und Th. G. Masaryk, Zur russischen Geschichts- und Neligionsphilosophie. Soziologische Skizzen (2 Bände. Verlag von Eugen Dicderichs. Jena 1913/14. Preis 25 Mark).
Fürst Trubetzkoj, ein als Publizist lebender srüherer Diplomat, kennzeichnet recht freimütig die großen Richtlinien einer volkstümlichen russischen Politik, die nichts weniger als pazifistisch, nichts weniger als europa - müde oder sonst entsagend anmuten. Masaryk. der geschätzte tschechische Gelehrte, gewährt uns einen tiefen Einblick in das politische Unterbewußtsein, in die religiösen Stimmungen und Anschauungen der Russen, die er als Philosoph und Historiker fein erfaßt hat, die er zergliedert und in ihren äußeren Wirkungen darstellt. Sein Werk wird durch einen Fachphilosophen, der Rußland kennt, in den Grenzboten besonders gewürdigt werden. Schließlich Hoetzsch. Sein Werk ist ein Tatsachengerippe oder, wie Claus in der Konservativen Monatsschrift es nennt, ein Nachschlagebuch, voll von interessanten Einzelheiten. Während Trubetzkoj w großen Zügen sein Bild entwirft, während Masaryk mit behaglicher Breite darstellt und das kleinste Fältchen russischen Empfindungslebms liebevoll aus- malt, schafft Hoetzsch ein Mosaik: die Steine liegen vielfach ungeschliffen nebeneinander, nicht durchweg einwandsrei miteinander verbunden, nicht immer am richtigen Platz. Hoetzsch nennt seine Arbeit den Versuch einer Einführung.