Die Illusion von Saloniki
esterreichischen Expansionspolitikern hatte die Erwerbung von Saloniki so lange als ein politisches Ideal vorgeschwebt, daß sie seinem Verlust nachgetrauert und kaum bemerkt haben, daß sie nichts als ein falsches Ideal verloren haben. Man hatte sich von der Bedeutung, die Saloniki für die Monarchie haben sollte, ein Trugbild gemacht, das nicht nur das öffentliche Urteil Österreichs und Deutschlands, sondern auch das anderer Mächte stark beeinflußt hat, und das den tatsächlichen Verhältnissen gar wenig entsprach.
Für die Ansicht, daß Österreich-Ungarn die Erwerbung Salonikis erstrebte, werden unter anderen häufig Äußerungen angeführt, die der verstorbene Krön prinz Rudolf bald nach dem Berliner Kongreß getan zu haben scheint. Aber diese Äußerungen des unglücklichen Prinzen wird man für die wirkliche Politik der Monarchie kaum als beweiskräftig annehmen, wenn man bedenkt, daß er im Jahre 1878 gerade zwanzig Jahre alt war, und daß er noch sechs Jahre später, als er seine Orientreise machte, in den dortigen Hauptstädten fremde Diplomaten durch seine große Unkenntnis der Verhältnisse überraschte. Die amtliche Politik der Monarchie kommt vielmehr in den? Vertrag zum Ausdruck, den sie 188l mit Serbien abschloß, und worin sie diesem die Anwartschaft auf das Vilajet Kossowo und das Vardartal zuerkannte, während sie Saloniki davou ausschloß, weil sie diesen Hafenplatz den Griechen zudachte.
Auf die politische Phantasie indessen hat Saloniki bis zum letzten Balkankriege eine gewisse Faszination ausgeübt. Doch der Gesichtspunkt, aus dem man die Frage betrachtete, blieb nicht derselbe. Anfänglich hatte man an Saloniki von dem Gesichtspunkt einer politischen Kompensation gedacht, für den Fall, daß die Russen Konstantinopel nähmen. Später betonte man die wirtschaftliche Bedeutung Salonikis, und in dem neuen Jahrhundert tritt diese Betrachtung bei weitem in den Vordergrund. Unter diesen zahlreichen Darstellungen dessen, was sich österreichische Expansionspolitiker in dem letzten Jahrzehnt von Saloniki versprachen, wählen wir die des angesehenen Wiener Publizisten Leopold Frh. von Chlumetzky, und zwar greisen wir auf sein 1906 erschienenes Buch „Österreich-Ungarn und Italien" zurück, in dem wir diese Gedanken noch unbeeinflußt von den letzten Balkanereignissen dargelegt finden. Chlumetzky betont, daß das Interesse der Monarchie sowohl in Albanien als in Mazedonien in erster Linie ein negatives sei, nämlich zu verhindern.