Russische Briefe
469
Ach, niemand kann wecken Die Junge, sie schläft ja Schon lange im Sarge Auf hohem Berge. Schon schwarz sind geworden Die silbernen Ringe, Und ausgebleicht ist Ihr blondes Haar.
Russische Briefe
von George Lleinow
Berlin - Friedenau, Pfingsten 1914
ährend der russischen Osternacht, die dieses Jahr nur eine Woche hinter der westeuropäischen folgte, fuhr ich, nach fast vierwöchentlichem Aufenthalte in St. Petersburg, wieder heim. Bei leichtem I Frost und Sonnenschein ging die Fahrt in der sechsten Nachmittagsstunde zum Warschauer Bahnhof, vor dessen Glaswand vor bald zehn Jahren der allgewaltige Minister des Innern Plehwe ermordet worden war. Wie damals auf den Straßen das zahlreiche Volk vor allem seine Empfindung durch Gebet zum Ausdruck brachte und dem oberflächlichen Beobachter die allgemeine und grundsätzliche Ablehnung des Mordes vortäuschte, so erwecken am Ostersonnabend jene Tausende, Hunderttausende von Betern, die barhäuptig in langen Reihen, des priesterlichen Segens gewärtig, hinter ihren Osterkuchen stehen, ein Bild der Einheitlichkeit im Denken der russischen Nation, das zu den Berichten der Presse über Streiks in den Fabriken, Arbeiterrevolten und groben Ausschreitungen gegen die Staatsgewalt gar nicht passen will.— Im gering besetzten russischen Zuge, der mit leise murmelnden Rädern nicht eben hastig durch die vom Vorfrühling kaum geküßte Ebene eilt, läßt sich träumen und sinnen. Manche Erinnerung an frühere Fahrten nach Petersburg und Erlebnisse auf russischem Boden tauchen auf und geben dem. was ich jüngst alles gesehen und gehört, Verbindung und tiefere Farben. — Jetzt, da ich schreibe, sind wir dreißig Tage weiter und dementsprechend ist auch die Erörterung über die deutsch - russischen Beziehungen vorgerückt. Die Herren von Jagow und Ssasonow haben die amtlichen Auffassungen von den deutsch-russischen Be-