Gin reaktionärer Briefwechsel
Für und gegen das parlamentarische Regiment
Berlin, Ende Mai 1914. Nach Reichstagsschluß.
Lieber Joachim!
as ist da weiter zu berichten. Es ist doch immer das gleiche Elend. Das kennst du genau so gut wie ich.
Das Niveau wird immer niedriger, der Katzenjammer der ! Beteiligten und Unbeteiligten immer größer. Die intellektuelle Verwirrung steigt, desgleichen die allgemeine Verlogenheit. Die erste Rücksicht, die die Abgeordneten leitet, ist die Sorge um die Wiederwahl; daher läuft man um die Wette von links nach rechts den einzelnen Wählerkategorien nach, zankt sich herum, ob diese oder jene Partei mit größerer Energie für die Landbriefträger eingetreten ist. Um die zweite Stelle in der Skala der Rücksichten ringen der Wunsch nach den sommerlichen Freifahrkarten und die Hoffnung auf die Präsidentenstelle, deren Vorbedingung ja leider der Schluß der Session, also der Wegfall der Freifahrkarten ist. Und so weiter. Wozu von diesem Elend reden? Jedermann kennt es. Aber niemand wagt, über die wahren Ursachen nachzudenken, geschweige von ihnen zu reden.
Da ich aber gerade im Zuge und von einer weidlichen Wut erfüllt bin, will ich Dir einige Ketzereien über die Ursachen vorsetzen, die Du Dir vielleicht auf Deinen Spaziergängen zwischen Deinen Roggenfeldern ein wenig durch Deinen konservativen Kopf gehen läßt.
Die Ursachen dieses ganzen Elends scheinen mir verhältnismäßig einfach, desgleichen die Mittel zur Abhilfe, die nach der Erkenntnis der Ursachen sich Grenzboten II 1914 28