Maßgebliches und Unmaßgebliches
Literatur
Neue Lyrik. Es lag mir eine sehr große Anzahl Gedichtbucher vor, die ich alle nach bestem Wissen geprüft habe, von denen aber viele als völlig unwertig hier verschwiegen werden müssen. Zudem bin ich gezwungen, mich kurz zu fassen, denn diese Zeitschrift kann — als nicht ausschließlich literarische — ohnedies der Lyrik nur beschränkten Platz einräumen. Und wie wenig Verheißungsvolles oder wirklich Vollkommenes habe ich gefunden! Wieviel geschickten, geschmackvollen Versen bin ich begegnet, und wie gering war die Ausbeute an Echtem, wahrhaft Reifein und Begnadetem.
Ich erwähne zunächst jene Bücher, die ich nicht völlig übergehen möchte, die aber nur einer kurzen Bemerkung würdig sind. Da sind die „Neuen Gedichte" von Max Alfred Vogel (München, Georg Callwey), harmlose, schlichte Weisen, in denen ab und zu ein hübsches Bild aufglänzt, die aber im ganzen wenig Eigenart und Reize bergen. „Die frühen Stunden" von Carl Salm (Köln, Schmitzsche Buchhandlung, Ferdinand Sohn) verraten schon mehr Talent und frische Begabung, aber es mangelt an innerer Geschlossenheit, nm Ausgleich der Verse gegeneinander. Jedenfalls liegt hier ein Erstlingsbuch vor, das Hoffnung auf Wachstum erweckt. Rudolf Herzog enttäuschte mich bitter.
„Wir sterben nicht" (Berlin, Cotta) heißt sein letzter Gedichtband, dessen Frische mich keineswegs unmittelbar, sondern künstlich erhitzt anmutete. Den Balladen fehlt das Knappe, Gehaltene, Schlagende, und die Lieder sind ja ganz brav, aber doch Wohl Alltagsware. Auch die „Gedichte" von Fritz Köpp (Leipzig, Fritz Eckardt) können nicht völlig befriedigen; jedenfalls verheißen sie eine Entwicklung, wie mich dünkt, und so will ich einer neuen Gabe harren, ehe ich ein abschließendes Urteil fälle, das ich jetzt als voreilig verwerfen müßte.
Als Intermezzo einige Frauenbücher: „Die Laute" von Erika Rheinsch (Berlin, Egon Fleischel). Wie soll ich meine Ansicht Präzi- sieren? Ich müßte stets dasselbe wiederholen. Glatte, angenehme, talentvolle Verse; es fehlt nur eins, die Hauptsache: Gnade. Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, daß manche belesenen, gebildeten Damen ähnliche Gedichte schreiben können, und daß man sie im einzelnen doch nicht voneinander zu unterscheiden vermöchte. „Die Oktave" von Eleonore Kalkowska (Berlin, E. Fleischel) verrät etwas mehr Individualität; aber ihre Bilder sind manchmal nicht prägnant genug. Das Blut, welches das Angesicht des Geliebten wie ein roter Schild umrauscht, und dem blühend Reis um Reis entsteigt — ist nicht nur gewagt, sondern geschmacklos. Trotzdem zeigt sich ein Ringen und ein Ernst, der gewinnend wirkt. Dagegen haben die „Gedichte" von