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Regierung und Parlament
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Regierung und Parlament

von George «Lleinow

er Reichstag hat nach zwei Jahre und drei Monate währender Session seine Pforten geschlossen. Nun ist nichts menschlicher als das: die Mitglieder des Reichstages. und das sind ja meist, sobald sie ihrer Freifahrtkarte erster Klasse entkleidet sind, ganz natürliche und zum Teil sogar umgängliche Menschen. die Mitglieder des Reichstages haben das Bedürfnis ihren Wählern nachzuweisen, daß sie zwei Jahre und drei Monate hindurch ununterbrochen ausschließlich für das Wohl ihrer Wähler gearbeitet und gekämpft haben, daß sie tatsächlich in dieser Zettspanne bis dahin Unerhörtes geleistet und daß sie ihren Fähigkeiten gemäß noch viel mehr zuwege gebracht hätten, wenn nicht... ja. wenn nicht die Regierung teils zu reaktionär, teils zu liberal, teils zu schwach, teils zu stark gewesen wäre, ja, wenn nicht die Sozialdemokratie und die noch viel gefährlicheren Zentrumsleute, und der politisch-kindliche Freisinn, und die unzu­verlässigen Nationalliberalen und schließlich, wenn nicht die brutalen Junker gewesen wären. Mit einem Worte: jeder Abgeordnete sucht sich eine möglichst gute Presse zu schaffen, und der vom vielen Registrieren ermattete Chronist könnte mit dem frohen Bewußtsein in die Sommerfrische reisen, daß das deutsche Volk in seinen Abgeordneten dreihundertsiebenundneunzig Männer von über­ragender Bedeutung hat.

Grenzboten II 1914 22