Contribution 
Die Entwicklung der nationalen Tendenzen in Österreich-Ungarn
Page
289
Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

T>ie Entwicklung der nationalen Tendenzen in Österreich-Ungarn

von I. I. Ruedorffer

on den großen modernen Kulturstaaten gibt es heute nur einen, der nicht auf die Einheit eines Volkes gestellt ist und nicht Nationalstaat ist, Österreich-Ungarn. Wenn man die moderne Zeit mit der Entdeckung der Nation und ihrer Verbindung mit dem Staatsbegriff entstehen läßt, so stünde der österreichisch­ungarische Staat in ihr als Überbleibsel des Mittelalters allein. In der Tat ist sein konstruktiver Typus für die Staaten des Mittelalters insofern charak­teristisch, als in ihnen ebenso wie in Österreich-Ungarn das Einigende die Dynastie und nicht das Nationale war. Heute ist er einzige Ausnahme und zeigt als solcher, wie neu und mächtig die Bewegung ist, welche die National­staaten schuf. Die österreichisch-ungarische Monarchie umfaßt eine bunte Menge von Völkerschaften. Deutsche, Ungarn, Tschechen, Polen, Slowenen. Kroaten, Italiener, Ruthenen, Rumänen. Diese Völker sind geeint unter dem Zepter des Hauses Habsburg. Was sie zusammenhält, ist die staatliche Organisation und eine in Jahrhunderten herangewachsene und mit zweifellosen: Geschick heran­gebildete Anhänglichkeit an eine Dynastie. Vor dein Erwachen der nationalen Bewegung in der Welt war das bunte Gemisch ohne außergewöhnliche Schwierigkeit zu regieren. Mit der Mitte des vorigen Jahrhunderts begannen die Schwierigkeiten. Das Haus Habsburg mußte seinen deutschen Einfluß an Preußen, seine italienischen Besitzungen an Piemont abgeben und so seinen Tribut an die nationalen Bewegungen zahlen, die sich in diesen Gebieten entfalteten und im Rahmen des österreich-ungarischen Staats keine Erfüllung ihres Lebenswillens finden konnten. Die Lombardei gravitierte nach Piemont' und gegen die natürliche Grenzboten II 1914 IS