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Russische Briefe
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Russische Briefe

von George Lleinow

St. Petersburg, den 3./16. April 1914. s wird hier viel von Krieg und Kriegsmöglichkeiten gesprochen. Nur in den amtlichen Kreisen will man nichts davon hören: Herr Goremykin, der Ministerpräsident, scheint den Standpunkt einzunehmen, daß man ihn ebensowenig für die Haltung der russischen Presse verantwortlich machen dürfe, wie Herrn von Beth­mann sür gelegentliche Unarten der Deutschen; an der Sängerbrücke wieder verteidigt man sich mit dem Hinweis darauf, die russische Presse sei zurzeit durchgehends oppositionell gestimmt und mache der Regierung Schwierigkeiten auf Gebieten, auf denen diese ihr nicht beikommen könne. Solchen geringen Auffassungen von der Allmacht der Regierung widersprechen Tatsachen, wie solche, die die Regierung überall dort rücksichtslos zugreifen läßt, wo sie Wert darauf legt, ihre Autorität durchzusetzen. Dieser Widerspruch gibt dem russischen Borgehen einen zweideutigen Charakter und muß bei uns Ausländern Miß­trauen gegen die amtlichen Versicherungen und beschwichtigenden Äußerungen führender Staatsmänner in Privatgesprächen wecken. Aber mehr noch: die Zurückhaltung der Zentralstelle gegenüber der Presse mnß auch die Negierungs- vertreter im Auslande verwirren, denen es unmöglich entgehen kann, wie ein­mütig die russische Presse die Hetze in einer bestimmten Richtung betreibt und denen es kaum unbekannt geblieben ist, daß die Regierung mit der Presse keine großen Umstände macht. Vielleicht beleuchtet eine Erinnerung aus der Vor­geschichte des Balkankrieges von 1877/78 die Gefährlichkeit des in Petersburg beliebten Spiels. Ich entnehme sie einer Denkschrift des russischen Finanz- Grenzboten II 1914 16