Wirtschaft und Runst
von Georg Zahn
Anläßlich der Eröffnung der „Deutschen Werlbund - Ausstellung" in Köln kennzeichnen die folgenden Ausführungen die geschichtliche Entwicklung der dort herrschenden Tendenzen. In einem späteren Heft wird über die Ausstellung, die zum erstenmal eine deutsche Qnalitätsschau bringen soll, ausführlich berichtet werden.
ie Frage nach den Wechselbeziehungen zwischen Wirtschaft und Kunst hat neuerdings ein so hohes Interesse gewonnen, daß es an der Zeit ist, eine Antwort darauf zu geben und die Gesetzmäßigkeiten aufzudecken, die zweifellos auch hier wirksam sind. Man beginnt heute den volkswirtschaftlichen Wert der Kunst zu begreifen und betrachtet sie nicht mehr als einen Luxus, dem lediglich in Schlössern und Kirchen, Museen und Schatzkammern ein Platz eingeräumt wurde. Die Kunst wird wieder zu einem das ganze Wirtschafts- und Volksleben durchdringenden Prinzip, wie sie es im Mittelalter eine Zeitlang gewesen ist. Eine solche lebendige Wechselbeziehung zwischen Wirtschaft und Kuust aber ist immer nur in einem Volke möglich, dessen materielle Kultur zu hoher Entwicklung gekommen ist und dessen durchschnittlicher Wohlstand die Verwendung eines verhältnismäßig großen Teiles der Wirtschaftskräfte zur Produktion höherer Werte gestattet.
Aufs neue bestätigt und bekräftigt wird die Richtigkeit dieses Satzes durch die Geschichte der modernen Kunstgewcrbebewegung, die Heinrich Waentig in seinem etwas breit geratenen Buche „Wirtschaft und Kunst"*) im Zusammenhange darzustellen und theoretisch auszuschöpfen versucht hat.
Auch in der neueren Zeit ist das Land, das in unseren» Kulturkreise zuerst wirtschaftlich, politisch und kulturell in den Vordergrund getreten ist und das Übergewicht erlangt hat, auch zuerst dazu gelangt, sich einen neuen Lebensstil zu schaffen und die Auswüchse und Übelstände des Jndustriezeitalters zu überwinden — nämlich England. Das Lebendigwerden künstlerischer Kräfte steht
*) „Wirtschaft und Kunst." Eine Untersuchung über Geschichte und Theorie der modernen Kunstgewerbebewegung. Jena, Verlag von Gustav Fischer. Preis 8 Mark. — Der theoretische Gewinn dieser infolge der Berufung ihres Verfassers nach Japan vorzeitig vollendeten „Gelegenheitsschrift" steht zwar in argem Mißverhältnis zur Breite der Darstellung und der Fülle des angezogenen Materials, verdient aber inimerhin als erster theoretischer Versuch die Beachtung aller derer, die den volkswirtschaftlichen Wert der Kunst begriffen haben.