Die österreichische Balkanpolitik
ie Balkankrisis der beiden letzten Jahre hat in so manchen Kreisen in Österreich-Ungarn ei» Gefühl der Enttäuschung und der Verstimmung zurückgelassen. Die Monarchie hatte eine Politik verfolgt, die nicht geringe Anforderungen an das Land stellte und keinen Gewiun brachte. Vielmehr erschien es als deutliches Ergebnis der jüngsten Balkangeschichte, daß für Österreich-Ungarn die Möglichkeit weiterer Gebietsermerbungen nun endgültig ausgeschlossen war. In militärischen und politischen Kreisen der Monarchie hatte man aber auf den Gedanken einer künftigen Expansion bis nach Saloniki nie ganz verzichtet, und die Politik Aehrenthals hatte halb erloschene Hoffnungen und Wünsche wieder belebt. Nun sullteu diese Aussichten ein sür allemal zu Ende sein. Man gab sich Selbstanklagen hin, daß man in der Vergangenheit günstige Gelegenheiten versäumt hätte; und ein gewisser Teil der Verstimmung fiel wohl auch auf den deutschen Bundesgenossen, dem man Schuld gab, die österreichische Expansionspolitik nicht unterstützt oder sie zurückgehalten zu habe», als es noch Zeit gewesen wäre, zu handeln.
Solche Stimmungen in dem befreundeten und verbündeten Nachbarlande können uns nicht gleichgültig lassen, und die Frage der österreichischen Balkanpolitik hat daher für uns im Deutschen Reich mehr als ein bloß geschichtliches oder akademisches Interesse, Es ist der Mühe wert, zu untersuchen, wieweit jene Verstimmung in Österreich-Ungarn sachlich berechtigt ist, wieweit überhaupt die Möglichkeit einer erfolgreichen Expansionspolitik bestanden, uud aus welchen Gründen eine Regierung nach der anderen sich gegen eine solche Politik entschieden hat. Denn Graf Berchtold hat im letzten November in den Delegationen nachdrücklich betont, die Monarchie habe mit der Erwerbung Bosniens und der Herzegowina die österreichische Expansion am Balkan als abgeschlossen betrachtet. Ein Abgehen von diesem Standpunkt, den schon Graf Aehrenthal klar herausstellte, hätte weder den wohlerwogenen Interessen der Monarchie, noch dem von: Grafen Berchtold stets betonten Grundsatz der Kontinuität entsprochen. Weiter erwiderte Graf Berchtold den Kritikern der Regiernngspolitik, die das Aufgeben