Die Hexe von Mayen
Roman von Charlotte Niese (Zehnte Fortsetzung)
Die Braunschweiger lärmten und lachten noch bis spät in die Nacht, und die Herren im Kloster schienen sich auch der Tafelfreude hinzugeben. Heilwig hörte Lachen und Singen bis in ihre Träume, dann schlief sie fest ein und wachte erst auf, als ihr Vater rief, daß Bruder Basilio die Morgensuppe brachte. Da merkte sie, daß sie bis in den Tag geschlafen hatte, machte sich eilig zurecht und begrüßte den Staatsrat, der schon gegessen hatte und nun über einigen Papieren saß. Er war in besserer Stimmung als am Tage vorher, ließ sich von seiner Tochter die Hand küssen, sagte ein gütiges Wort und sprach sich lobend über die Gastfreundschaft der Benediktiner und vor allem über ihren Abt aus, der das Beste für sein Kloster wollte und kein Mittel unversucht ließ, es vor dem Feinde zu schützen.
„Die Franzen begehren die Schätze des Klosters!" erzählte der Staatsrat. „Irgend jemand hat es ihnen verraten, daß hier nicht allein wertvolle Reliquien, sondern auch viel Gold zu finden ist. Der Abt sagt, es ist nicht an dem. aber in Holland hab ich schon von Goldbarren vernommen, die hier eingegraben sein sollen. Geld gehört nun einmal zum Kriege und der Marquis de la Trousse führt ein seidenes Zelt, goldene Möbel und mehrere schöne Damen mit sich, für die soll auch gesorgt werden!"
„Ist dies der Marquis, der in Mayen sitzt?"
Der Staatsrat bejahte. Der war über die Berge gekommen, um sich womöglich an den Rhein zu werfen: es sollte ihm aber nicht gelingen.
„Ich denke, er ist schon wieder auf dem Wege nach der Mosel!" setzte er hinzu.
„Jetzt schon?"
„Unsere Soldaten sind doch schon vor Sonnenaufgang hinuntergeritten, um die Stadt zu überrumpeln. Möge es ihnen in Bälde gelingen!"
Heilwig sprang auf. aber ihr Vater legte die Hand auf ihren Arm.
„Keine Aventuren, liebes Kind!" sagte er ernst. „Du wirst schon erfahren, wie es dem Junker Josias ergeht. Eine adlige Jungfrau muß sich zusammennehmen können!"