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Maßgebliches und Unmaßgebliches
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Maßgebliches und Unmaßgebliches

Wirtschaft

Amerika heute und morgen. Arthur HolitscherS Reiseerlebnisse (Berlin, S. Fischer) sind von großem volkswirtschaftlichem und soziologischem Interesse. Das 428 Seiten starke, mit vielen vortrefflichen Photos illustrierte Buch ist mehr wie eine Reisebe­schreibung. ES gibt ein vollständiges Bild des jetzigen Nordamerikas (den Vereinigten Staaten und Kanadas) nicht allein in volks­wirtschaftlicher sondern auch in mancher anderen Richtung. In gewissem Sinne kann es als eine willkommene Ergänzung des be­kannten zweibändigen Werkes von Münster- berg gelten. Dort der Aspekt des Landes und seiner Bewohner aus der Vogelschau der akademischen Vergeistigung, hier der Blick von unten her, wie die Zustände den: aufmerksamen Reisenden, der Kanadas Weizenfelder und die großen Städte des Ostens mit ihren Wolkenkratzern nacheinander besucht, erscheinen. Durch die Masse von Eigenbeobachtetem hat das Buch seinen hohen Wert. Aber man muß bei dem Verfasser sorgfältig eine gesunde Empirie und die sozialistische Theorie, die schließlich das Gebäude krönen soll, ausein­ander halten. Diese Theorie hat er schon mit über den großen Teich gebracht, und sie ist mit Nichten das Ergebnis des Studiums, als welches sie gerne gelten möchte.

Einer der wichtigsten Teile des BucheS ist die Darstellung der Besiedlung Kanadas, welchem Lande der Verfasser eine glänzende agrarische Zukunft voraussagt. Die Orga­nisation der Besiedlung wird ganz im einzelnen und mit den, Feuer eines naiven Kultur- Pioniers beschrieben.

Mit derselben Wärme, aber schon mit einigen eingestreuten Bemerkungen über die Unzulänglichkeit dieser sozialen Bestrebungen werden die Wohllätigkeitseinrichtungen be­

sprochen, die Kinderrcpublik in Freeville, Chautauqua (die Volksuniversität mit ihren fünfundsiebzig männlichen und weiblichen Dozenten), die Kinderfreunde in Denver, der Hauptstadt Colorados, Hull house und die südlichen Parks in demhöllischen" Chikago.

In furchtbarem Kontrast dazu wird in dunkeln Farben das Arbeiterelend Amerikas geschildert, das nicht das Arbeiterelend Europas ist: keine Hungerlöhne, aber die Arbeitshetze, die die Gesundheit untergräbt, die des Er­wachsenen und des Kindes. Bezeichnende Beispiele gibt Höllischer, man lese sie S. 287 u. f. seines Werkes nach.

Wenn ein Buch so ganz schonungslos neben dem Guten das Schlechte nennt, so erwirkt es sich leicht das Zutrauen, das man der Unparteilichkeit gerne entgegenbringt. Aber trotz dieser objektiven empirischen Grundlage sind, wie schon angedeutet, die Folgerungen, die zum Schluß gezogen werden, ganz will­kürlich. Amerika soll nach der Meinung HolitscherS das Bild der wirtschaftlichen Zukunft auch für das alte Europa sein. In diesem Bilde wird das heute noch geltende liberale Wirtschaftssystem absuräum ge­führt. Alle Wohltätigkeitseinrichtungen der in ihrem sozialen Gewissen beunruhigten Milliardäre sind nicht imstande das Unrecht, daS in diesem Systeme dem Arbeiter geschieht, wieder gut zu machen.

Nun könnte es sich aber auch anders ver­halten. Private Wohltätigkeit ist gewiß un­zulänglich, auch wo sie quantitativ ausreichte, würde sie es qualitativ sein, da sie den Empfänger erniedrigt. Aber die Gesetzgebung I Diese ist doch abhängig von dem ethischen Gehalte der stimmberechtigten Klassen.

Amerika mag in technischer Hinsicht, wie­wohl auch hier nicht überall, unser Vormann sein und unsere eigene Zukunft spiegeln. Dies braucht aber doch nicht so zu sein auf dem