Der literarische Roman M3
von Dr. Arthur lvestphal in Berlin
ir haben uns in der letzten Nummer der Grenzboten mit dem umstrittenen Begriff der leichteren „Unterhaltungsliteratur" auseinandergesetzt und sind nunmehr vor die Pforte jener Halle gelangt, in der die verwirrende Fülle moderner novellistischer Problemdichtungen aufgetürmt liegt. Man muß sich einen Ruck geben, ehe man sich in dies Chaos stürzt. Denn wenn man da den Kops nicht oben behält, ist man rettungslos preisgegeben und verliert jeden Boden unter den Füßen, Die unerhörte geistige Anspannung, mit der in unserem Zeitalter gerade auf dem Gebiete des Romans und der Novelle gearbeitet wird, ist immer wieder verblüffend und nötigt auch dem Außenstehenden die ehrlichste Achtung ab. Schließlich ringen ja alle diese Problemdichter um Dinge, die den Menschen aus dieser Zeit und aus dieser Welt im Innersten angehen. Schließlich und endlich geht es da um Fragen, die unser aller Fragen sind, auch wenn sie noch so ausgetüftelt und konstruiert erscheinen. Es soll deshalb hier beileibe nicht der Versuch gemacht werden, die starke literarisch-geistige Aufwärtsbewegung unserer Zeit in irgendeinem Punkte zu entwerten. Daß man in dem unentwirrbaren Chaos heutiger literarischer Dinge hin und wieder müde wird und nach einer flüchtigen Atempause verlangt, ist nicht mehr als menschlich. Aber wir wollen darüber nicht vergessen, daß dies Chaos doch auch alle Keime zu einer fruchtbaren Weiterentwicklung in sich trägt, und daß uoch immer ein Chaos nötig gewesen ist, ehe ein Stern geboren werden konnte.
Von diesem Gesichtspunkte aus muß beispielsweise das aufreizende Buch vom „Liebesturm" (Bruns Verlag, Minden) gewertet werden, das die in Deutschland rasch berühmt gewordene Französin Rachilde geschrieben hat. Wer unvorbereitet auf diese in grellen Dissonanzen sich ergehende Teufels sin fonie stößt, wird entsetzt einen Schritt zurücktreten. Alle bösen Geister scheinen da losgelassen, und aus einer entfesselten Phantasie quillt das grauenhafte erotische Spiel eines Leucht turmwärters, den seine aus der Einsamkeit geborene erotische Monomanie zu einem mystischen Kult mit angeschwemmten Frauenleichen treibt. Daß eine Frau dies Buch geschrieben haben soll, erscheint nahezu unglaublich. Der „Liebesturin" ist von Ansang bis Ende in die wildesten Fiebergluten getaucht und atmet ganz und gar den Geist einer ausgesprochen männlichen „Besessenheit". Man wird, je nach Geschmack und Weltanschauung, diese Besessenheit widerwärtig oder in ihrer grauenhaften Dämonie fesselnd finden. Mir will scheinen, daß in dem Buche der Rachilde ein genialer Funke sitzt, der über alles stoffliche Entsetzen hinwegleuchtet