Napoleon und Deutschland
Lin Epilog zum Jubeljahr von Privatdozent Dr, Oscar Ewald in Wien
as Napoleon für Deutschland gewesen ist, erschöpft sich keineswegs in einer geschichtlich treuen Darstellung der Ereignisse, die sich mit unaufhaltbarer Gewalt von der Stiftung des Rheinbundes bis zur Erhebung der Nation in den Befreiungskriegen abgespielt haben. Tiefer greift diese Bedeutung; sie ist am wenigsten durch die einfachen Formeln des Haffes zu umschreiben, dessen Ausblick ein allzu enger, dessen Wirkung mehr auf persönliche, greifbare Nähe als auf welthistorische Abstände berechnet ist.
Die Gesamterscheinung Napoleons setzte sich allerdings in einen Widerspruch zum deutschen Geiste, der sich in tiefer innerer und äußerer Gegnerschaft entfalten mußte; die unverkennbaren Gemeinsamkeiten, für die daneben Raum blieb, brauchen um so weniger geleugnet zu werden, als sich aus ihnen allein die Sympathie, ja die Begeisterung erklärt, die einige der echtesten Vertreter germanischen Wesens dem Korsen von Anbeginn entgegengebracht und bis zur tragischen Erfüllung seines Schicksals bewahrt haben. Wer in den historischen Ereignissen und ihrem Ablauf keine Zufälligkeiten erblickt, wird die Vieldeutigkeit im politischen Verhältnis Napoleons zu Deutschland nicht bloß als das blinde Ergebnis eines mechanischen Kräftespiels betrachten. Napoleon, der Uberwinder und Knechter der deutschen Nation, hat zugleich ihre Einigung vorbereitet und möglich gemacht. Ohne Zweifel gegen seinen Willen; denn er hat die lebensfähigsten Teile des Deutschtums. Österreich und Preußen, einzeln zu fesseln versucht, um die Einigung zu verhindern und den Nest nur soweit er- Grenzbotm IV 1913 38