Bevölkerungsvermehrung und Sozialhygiene
von A. Walter in London
annigfache Gründe sind vorhanden, die eine weitere Verminderung im Tempo der Bevölkerungsvermehrung unerwünscht erscheinen lassen. Moralische Bedenken über die absichtliche Einschränkung der Geburtenziffer sind noch am ehesten auszuschließen, weil das ganze Problem kein rein moralisches ist, sondern von starken wirtschaftlichen Beweggründen beeinflußt wird. Diese wirtschaftlichen Ursachen werden selbst durch wirtschaftliche Maßnahmen, wie Besserung der Lebenshaltung jener Klassen, die am meisten zum Bevölkerungszuwachs beitragen können, Steuererleichterungen für jedes Kind usw. teilweise aufgehoben werden können.
Gleichzeitig wird durch solche Maßnahmen die Möglichkeit der Eheschließung erleichtert und so die Voraussetzung für eine absolute Steigerung der Bevölkerungsvermehrung geschaffen.
Ausschlaggebend für die Beurteilung des Problems ist der national-wirtschaftliche Gesichtspunkt. Je stärker die Bevölkerung des deutschen Reiches, desto stärker ist — neben der Zahl der Produzenten — die der Konsumenten, die die ersteren in Nahrung setzen. Desto stärker ist aber auch die Zahl der Personen, die wir an die Kolonien und das Ausland abgeben können, um dort die Absatzmärkte für die Produkte deutschen Jndustriefleißes zu erweitern. Für den Engländer gilt der Leitsatz: „Der Handel folgt der Flagge." Für Deutschland, mit seinen wenigen Kolonien und ihrer relativen Ungeeignetheit als Siedlungskolonien, kann dieses Leitmotiv nur beschränkte Geltung haben. Wir müssen statt dessen den Grundsatz aufstellen: „Der Handel folgt dem Blute." Je mehr Personen deutscher Stammeszugehörigkeit im Auslande tätig sind, desto niehr Abnehmer für deutsche Exportwaren sind vorhanden. Je größer dann die Exportziffern, desto größer auch die Beschäftigungsmöglichkeit, die Heiratsmöglichkeit und die Geburtsmöglichkeit in der Heimat.