Die Eigenart der Geschlechter
<Lin Problem für Unterricht und Erziehung von Manfred Pollatz in Dresden
! ünf Jahre sind vergangen, seitdem der Bund für Schulreform bei seiner Gründung sich die Aufgabe stellte, das Schulproblem zu I einer Sache aller Volksgenossen zu machen, es hinauszuheben über das erstickende Niveau der Schulmeifterzänkereien und des Reformdilettantismus und in ernster Arbeit zuerst einmal die theoretischen Grundlagen zu schaffen, die für jede Art von Schulreform notwendig sind. Blicken wir heute zurück auf die bisherigen Tagungen des Bundes, so müssen wir anerkennen, daß sie für die Probleme der Jugendkunde und Jugendbildung Ergebnisse von bleibendem Werte gezeitigt haben. >Jntelligenzvroblem und Arbeitsschule, die Frage nach dem Wesen der Bildung und die aus ihrer Beantwortung sich ergebenden Forderungen für die Schultypen und die Vorbildung auf das Lehramt waren auf den Kongressen in Dresden und München erörtert worden, ein viel' stärker umstrittenes Thema stand für die Breslaner Tagung in diesem Oktober zur Debatte, die Frage nach dem Unterschied der Geschlechter und seiner Bedeutung für die öffentliche Jugenderziehung.
Ein Kampfthema war es also, bei dessen Erörterung sich schon bisher die Geister scharf geschieden haben, vielleicht sogar das Schulreformproblem, das wie kein anderes in sich die mannigfaltigsten Strömungen zusammenfaßt, die in der heutigen Kultur um Einfluß auf die Entwicklung miteinander ringen. Hier spielen wirtschaftliche und soziale Fragen hinein, hier muß auch noch einmal der leidenschaftliche Kampf um die Frauenbewegung einen Nachklang finden. Gerade darin beruht ja das Wesentliche des ganzen Problems, daß es sich bei seiner Entscheidung nicht bloß um die wissenschaftliche Festlegung psychologischer und physiologischer Tatsachen handelt, sondern daß die Frage nach der Eigenart der Geschlechter und der aus ihrer Beantwortung sich ergebenden Neugestaltung der Zukunftsschule sofort das heikle Thema von der Zweckbestimmung der männlichen und weiblichen Erziehung überhaupt nach sich zieht, und damit wird diese Frage eine Kulturfrage im eminentesten Sinne des Wortes.