Imperialismus und Sozialismus
r>on jur. Herbert von Dirkscn in Bonn
ie Beachtung, welche die sozialdemokratische Presse den: Imperialismus schenkt, ist überraschend groß. Deni, der die Äußerungen der Tagespresse, der Wochen- und Monatsschriften auf ihre Stellungnahme zum imperialistischen Gedanken prüft, bietet sich ein eigentümliches Bild: die überwiegende Mehrzahl dieser Äußerungen stammt aus sozialdemokratischem Lager. Auch die Art der Behandlung des Themas fällt auf. Die Zahl derer, die sich in der bürgerlichen Presse mit dieser wichtigsten, brennendsten Frage unseres nationalen Lebens beschäftigen, ist an sich schon sehr gering. Und wenn diese Beschäftigung mit dem Imperialismus über die bloße Erwähnung des Wortes hinausgeht, so begnügt sie sich mit sachlichen, leidenschaftlosen Darlegungen über die eine oder andere Seite der Frage. Ganz vereinzelt sind die bürgerlichen Stimmen, die ZU einer subjektiven Stellungnahme und zu einer kräftigen Bejahung vorgedrungen sind.
Im Gegensatz zu dieser Gleichgültigkeit der bürgerlichen Parteien hallt die sozialdemokratische Presse wider von dem Streit um den Imperialismus. Und Zwar begnügt sie sich nicht damit, die Fragen der äußeren Politik, der Rüstungsund Kolonialpolitik auf ihren Reingehalt an verdächtiger, imperialistischer Substanz zu untersuchen und — wie Schippe! spottet — in „das große Verlegenheitssammelbecken Imperialismus" zu tun, sie beschränkt sich auch nicht darauf, ihn von der kolonialpolitischen Seite her zu betrachten, der sie wegen ihrer rein wirtschaftlichen Bestandteile von jeher ein lebhaftes Interesse und eine umfangreiche Literatur gewidmet hat. Nein! Die sozialdemokratische Presse geht viel weiter in ihrem Interesse für den Imperialismus. Sie beschäftigt sich auch eingehend mit ihm selbst und mit allen praktischen und Grenzboten IV 1918 22