Maßgebliches und Unmaßgebliches
Musik
Ernst Heinemann: „Richard Wagner und das Ende der Musik." Lechzig 1913, Kommissionsverlag von Th. Thomas. Eine von den vielen Broschüren gegen Wagner, die wir nun geduldig werden über uns ergehen lassen müssen. — Was ich neulich in den Grenzboten Herrn Emil Ludwig gesagt habe, daß Kunst Leben ist und vom Leben, nicht von irgendeiner Theorie gerichtet sein will, kann ich heute wiederholen. Und Herrn Ernst Heinemann auf alle Einzelheiten meiner Auseinandersetzung mit Ludwig über den Wert der Wagnerschen Theorien hinweisen: Emil Ludwig hatte doch immerhin ganze Kapitel seines Buches Wagners klingenden Werken gewidmet. Für Heinemann gibt es überhaupt nur die theoretischen Schriften Wagners. Und alles, was das Ludwigsche Buch bei aller Verfehltheit seiner Grundlagen anziehend machte: Geist, Satire und die (auch musikalisch) gründliche Beherrschung des zu beurteilenden Stoffes ist hier feierlicher Ode und sachlicher Unzulänglichkeit gewichen.
Herr Heinemann wünscht, daß man in seiner Kritik eine Geistesverwandtschaft mit Gottfried Ephraim Lessing erkennt. Ein geringer Unterschied zwischen beiden ist mir immerhin aufgefallen. Lessing hat sich doch ein wenig den Werken, die er beurteilte, gewidmet. Herr Heinemnnn dagegen hat sich
darauf beschränkt, Wagners journalistische Sendung zu studieren, von seinen Musikwerken aber weder den „Ring" noch den „Parsifal" oder den „Tristan" seiner Hörerschaft gewürdigt. Nur die „Meistersinger" hat er mit seiner Anwesenheit beehrt, und zwar am 2. Dezember 1903 (er enthält das denkwürdige Datum seinen Lesern durchaus nicht vor). Und auch bei dieser Aufführung hat er es mit dem Aufnehmen der ersten zwei Akte genug sein lassen. Ich erkläre mich nun gern bereit, Herrn Heinemann in einem privaten Briefwechsel dasjenige Wort zu nennen, mit dem man das Verfahren bezeichnen muß, einen Künstler, den man in seinen wesentlichen Schöpfungen nicht kennt, öffentlich zu richten. Anderseits ist dieses Verfahren so originell, so abweichend von allem, was wir bisher an Kunstkritiken erlebt haben, daß ich dem Verlag dieses Buches den Vorschlag mache, den künftigen Auflagen der Heine- mannschen Broschüre das Porträt des Herrn Verfassers oder eine amtliche Beurkundung seiner Person vorauszuschicken, damit jeder Zweifel daran schwindet, daß Herr Ernst Heinemann in Wirklichkeit existiert. Dr. Fritz Reck-Mallcczeiven in München
Schöne Literatur
Heinrich Spicro: Geschichte der deutschen Frauendichtung (Verlag B. G. Teubner, Leipzig 1913; geb. 1,2S M).