Beitrag 
Sturm : Roman :
(Schluß)
Seite
568
Einzelbild herunterladen
 

568

Briefe und Memoiren

lied kam ihnen in den Sinn. Und da heut schon soviel gesungen war, wollten sie sich auch hören lassen. Aus jungen Kehlen hallte es frisch über den Schnee, das Lied vom Heimatland:

„Nu i8ÄMÄÄ, mu önn ja room!"*)

Kein Widerspruch wurde laut. Nach dem Ernst der Stunde behielt die zukunftfrohe Jugend das Wort. Und durch die verkohlten Sparren des Pfarr­hofdachs, durch die Fensterhöhlen der Kirche leuchtete tröstlich der blaue Himmel. . . .

Briefe und Memoiren

von Beda prilipp in Berlin-Schöneberg

ie letzten Monate haben uns eine reiche Auslese von Memoiren und Briefen gebracht. Eine bunte Reihe von Bildnissen, in täuschendem Schein noch durchströmt und durchwärmt von dem roten Quell des Lebens, der den Augen Glanz und Ausdruck, den Gliedern ihre charakteristische Beweglichkeit lieh, schaut uns

aus diesen Blättern an. Denn wenn in allem, was uns das Lebenswerk eines bedeutenden Menschen überliefert, sein vergeistigtes Selbst fortleben kann, so scheint sich dieses Erbe doch sehr bald nach dem Scheiden einzugliedern in ein Ganzes, das wiederum nur einen Arbeitsteil in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit bedeutet. Wie groß oder wie klein dieser Teil mit seinen hundert Gliedern, hängt vom Standpunkte des Schauenden ab, ein Standpunkt, den die Jahrhunderte in wechselnder Höhe und mit ebenso wechselndem Ausblick fest­legen.

Wie dem auch fei — das einzelne Individuum erscheint in solcher Be» trachtung nur wie eine rasch aufkräuselnde und ebenso rasch wieder zerfließende Welle in einem unaufhaltsam flutenden Strom. In bewußtem oder unbewußtem Erkennen dieser Wahrheit sammeln wir heut so manches Blättchen, das sonst wohl achtlos verflatterte, in dem Bemühen, in solchen flüchtigen Aspekten zu haschen, was uns sonst unwiederbringlich entschlüpft: das Individuelle, das Per­sönliche. Das aber spiegelt sich nirgends so unmittelbar wieder als in ungezwun­genen Briefen. Auch die Selbstbiographie kommt ihnen nicht gleich. Es fehlt ihr oft das Emporquellen aus dem Unbewußten, das der temperamentvollen

*) Mein Heimatland, mein Stolz und Freude.