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Amerikanische Diplomaten
von L. A. Bratter in Berlin
err Gerard, der neue amerikanische Botschafter in Berlin, hat im Gespräch mit einem Interviewer auf zwei wunde Punkte hingewiesen, an denen der diplomatische Dienst der Vereinigten Staaten krankt. Der eine ist die unzulängliche Bezahlung der amerikanischen Vertreter im Auslande. Sie schränkt die Zahl der Amerikaner, die für die kostspielige diplomatische Vertretung überhaupt in Betracht kommen, von vornherein erheblich ein und zwingt die Washingtoner Regierung sehr häufig, statt die besten, die reichsten Männer ins Ausland zu schicken. Den zweiten Nachteil erblickt der Botschafter Gerard in dem Mangel an einem geschulten diplomatischen Korps. Tatsache ist ja, daß amerikanische Gesandte und Botschafter mitunter die diplomatische Routine weit weniger beherrschen, als ihre europäischen Kollegen, und daraus mag sich gelegentlich auch eine Schädigung amerikanischer Interessen ergeben haben. Tatsache ist auch, daß schon seit einer Reihe von Jahren in amerikanischen Zeitschriften die Frage erörtert wird, ob die Gründung einer Hochschule zur Vorbereitung für den diplomatischen Dienst empfehlenswert sei. Mit dem Erstarken der imperialistischen Strömung in den Vereinigten Staaten mehrten sich die Stimmen, die im Hinblick auf den regeren internationalen Verkehr zwischen Amerika und den Auslandsmächten auf die Notwendigkeit einer beruflichen Schulung der amerikanischen Diplomatie nach europäischem Muster hinwiesen. In der „North American Review" wurde vor mehreren Jahren die Gründung einer „National School of Diplomats" nach dem Vorbilde der Pariser „Ecole libre des Sciences politiques" angeregt; der Vorschlag begegnete lebhaftem Widerspruche. Die Mängel, die dem diplomatischen Dienst der Vereinigten Staaten lange Zeit anhafteten und sich zum Teil noch heute fühlbar machen, sind durch Fach- Grenzboten III 191S 22