Maßgebliches und Unmaßgebliches
Grziehungsf ragen
Bildungscinseitigkciten. Harmonische Bildung! Das ist die Forderung, der jede vernünftige Pädagogik nachkommen sollte. In jedem Erziehungsprogramm der großen Pädagogen finden wir ja auch den Satz irgendwie formuliert, daß alle menschlichen Anlagen zur höchsten Vollkommenheit emporgebildet werden sollen. Unzählige Male wird diese zur Binsenwahrheit gewordene Weisheit nachgesprochen, und sie klingt so einleuchtend und selbstverständlich, daß niemand etwas dagegen einwenden kann. Aber zwischen Theorie und Praxis besteht auch hier ein recht merklicher Widerspruch. Bei den Spartanern wurde nur der Körper erzogen und ausgebildet; auch das Rittertum machte sich später dieselbe Ansicht zu eigen, während das Kirchentum des Mittelalters die strenge Askese des Leibes guthieß und nur der Seele Aufmerksamkeit widmete. Auch in unseren Tagen hat sich bei den Kulturvölkern eine höchst bedenkliche Einseitigkeit wieder recht deutlich ausgeprägt, nämlich die starke Bevorzugung der geistigen Bildung. Der weite volle Begriff Bildung erscheint nach seinen: heutigen Inhalt geradezu verengt, denn was versteht man gemeinhin anders unter ihm als ein gewisses Maß von aufgespeichertem Wissen, logischer Schulung, geistigem Können?
Daß zur allgemeinen Bildung auch Handfertigkeit, Sinnenempfänglichkeit und -schärfe, überhaupt körperliche Tüchtigkeit in jeder Hinsicht gehören, daran denken viele gar nicht. Die körperliche Arbeit gilt daher auch nicht viel im Kurse der Meinungen, und der Kopfarbeiter, und leistete er auch weiter nichts als mechanische Abschreiberdienste, sieht oft verächtlich aus den Handarbeiter herab, zu dessen Arbeit keine „Bildung" nötig sei. Unsere Schulen sind fast ausschließlich Stätten des bloßen Wissens, der logischen Bildung, wo aus gedruckten Buchstaben oder durch das Wort des Lehrers nur gelernt und immer wieder gelernt wird, dazu noch vielerlei, was keinen Bildungswert hat, was im wirklichen Leben niemals verwendet werden kann. Die Schule verdammt den ganzen körperlichen Menschen zuviel zur unnatürlichen Ruhe, seine Sinne stumpft sie durch Untätigkeit geradezu ab.
Wir wollen ja den Wert der geistigen Bildung gewiß nicht unterschätzen; wir wissen, daß es in den meisten Berufen ohne sie nicht ginge, ja, daß mit ihr unsere ganze Kultur steht und fällt; aber deshalb ist es doch noch lange nicht nötig, sie so ausschließlich zu betonen, daß als Folge davon die Kultur des Körpers, des Sinnenmenschen unterbleibt. Und diese bedenkliche Erscheinung ist bereits eingetreten. Man gibt auch in unserer Zeit dem