Zentrums - Aolonialpolitik unter Vismarck
von Maximilian von Hagen in Berlin
ine im Vergleich zu den anderen Parteien ganz besondere Stellung zu den Anfängen unserer Kolonialpolitik nahm das Zentrum ein. Anfangs reserviert, wenn auch aus Rücksicht auf die missionsfreundlichen Kreise des katholischen Deutschland keineswegs prinzipiell dagegen, machte es seine Konzessionen wie in allen staatlichen Fragen von den kirchenpolitischen Dingen abhängig*). Es stimmte dementsprechend je nach Lage des Kulturkampfes, den es immer wieder drohend ausspielte, für oder wider die neue Politik, freilich niemals ohne Einschränkungen und Hintertüren. Sobald humanitäre Fragen hineinspielten, wie die Sklaven- und Missionsfrage, die den Idealen des Katholizismus förderlich erschienen, näherte es sich dem Standpunkt der Regierung. Im Frühjahr 1885 erklärte es sich sogar „voll und ganz dabei, wenn es sich darum handle, eine gesunde, nicht abenteuerliche Kolonialpolitik ins Werk zu setzen. . . und die Ehre des Deutschen Reiches zu wahren". Der kirchliche Charakter der Partei zwang aber dieselbe immer wieder, auch eine so außerhalb aller Parteipolitik stehende nationale Frage wie die Kolonialpolitik mit internationalen Maßen zu messen. Schon bei der Beratung des Freundschaftsvertrages mit Samoa im Sommer 1879 klagte das Zentrum, daß die Erwerbung des den Samoanern gewährten Bürgerrechtes deutschen Katholiken freiere Neligionsübung gewähren würde, als sie preußischen Staatsbürgern erreichbar seil!**) Als dann in der Herbstsesston 1885 die Interpellation Reichensperger über die Zulassung der Jesuitenorden in den Kolonien von Bismarck abschlägig beantwortet wurde, was eine lebhafte Debatte zwischen dem Kanzler einerseits und Reichensperger, Rintelen und Windthorst andrerseits zur Folge hatte, da drohte der Kulturkampf, wie wir früher gesehen haben, von neuem auszubrechen und auch die Kolonialpolitik zu gefährden.
*) Vgl. meinen Artikel über „Bismarcks Stellung zur äußeren Mission" in Heft öl der Grenzboten von 1912.
**) Vgl, die köstliche Karikatur bei Hüsgen, Ludwig Windthorst. Dritte Auflage. Köln 1911. Seite 331.