Maßgebliches und Unmaßgebliches
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und der Technik sprechen können, so hat die Mathematik das Hauptverdienst daran. Wie sehr hat Schopenhauer ihren Wert verkannt, als er mit scharfem Spott von ihr sagte, sie könne höchstens den Nutzen haben, flatterhafte Köpfe an Aufmerksamkeit zu gewöhnen. Wir wissen, daß sie zum vollen Verständnis unserer gegenwärtigen Kultur nötig ist. Und wenn „allgemeine Bildung" die Fähigkeit bedeutet, unsere gesamte Kulturentwicklung zu verstehen, dann ist für alle, welche darauf Anspruch machen und in diese Entwicklung eingreifen wollen, ein gewisses Maß an mathematischen Kenntnissen unerläßlich.
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Jubiläum
Der siebzigjährige Roscggcr. Der Kalender, der ja in solchen Dingen als zuverlässig gilt, behauptet, daß der steirische Waldbauernbub nm 31. Juli siebzig Jahre alt wird. Man will es nicht recht glauben, wenn man es hört. Den Rosegger Peter, der Zeit seines Lebens ein Träumer gewesen ist mit der Seele eines Kindes, eine Kampfnatur mit dem Temperament eines Zwanzigjährigen — den sollen wir auf einmal als Jubelgreis im Silberhaar wiederfinden? Nein, da muß irgend etwas nicht stimmen. Freilich, daß hinter dem Märchenerzähler und Träumer und Sinnierer Rosegger ein Mann sich birgt, den das Leben zu köstlichster Reife hat emporwachsen lassen, das wußten wir längst. Ein Mann ist der Peter tausendfach gewesen, seitdem er über die Zwanzig hinaus ist. Aber ein Greis? Nie und nimmermehr. Dazu hat niemand weniger Anlage als der Krieglacher Bauernsohn, der noch heute so wettern und stürmen und juchzen kann wie ein eben Vgge gewordenes Menschenkind.
In der Tat: die unerhörte Jugendlichkeit dieses Mannes ist vielleicht der erstaunlichste,
ganz gewiß aber der wertvollste Zug seiner menschlichen und dichterischen Persönlichkeit. Man muß unter den heutigen Poeten deutscher Zunge weit, sehr weit umhersuchen, ehe man jemanden findet, der zu den Erscheinungen der Umwelt auch nur annähernd ein so unmittelbares Verhältnis hat wie dieser Peter Rosegger. Er ragt in unsere „literarisch" verseuchte Epoche wie das Sinnbild einer besseren Zeit, in der die geistreiche Konstruktion weniger und die Persönlich menschliche Beziehung zu den Dingen mehr galt als heute. Was unserer ratlosen, von Skepsis und quälendem Abstraktionsbedürfnis geplagten Literatur fast nirgends gelingen will: aus dem eigenen Erleben heraus unmittelbar dichterisch zu gestalten — das fällt diesem Bauernsproß, diesem Autodidakten wie ein Gottesgeschenk in den Schoß. Gesehenes und Erlittenes, Geträumtes und Erlauschtes wandelt sich ihm ganz von selbst in das lautere Gold der Poesie. Er hat es niemals nötig gehabt, die Kunst der deutschen Poeterei in geheimnisvollen Laboratorien zurecht zu destillieren. Er hat niemals in literarischen Caföhäusern umhergesessen und sich den Kopf mit blaß- blütiger Problematik vollgepfropft. Er ist