Beethovens Weltanschauung
von Oi-, Hermann Seeliger in Landeshut i. Schl.
Nehmt die Gottheit auf in euren Willen Und sie steigt von ihrem Weltenthron. Schiller, Das Ideal und das Leben.
ie Welt ist ein König und will geschmeichelt sein, soll sie sich günstig zeigen — doch wahre Kunst ist eigensinnig, läßt sich nicht in schmeichelnde Formen drängen", aber gerade dem, der diese Worte schrieb, und in seinem künstlerischen Schaffen die unerhörteste Subjektivität bekundete, hat sie rückhaltlos wie kaum einem anderen der großen Schaffenden die Anerkennung seiner überragenden Größe und Genialität zuteil werden lassen. Schier unendlich ist die Beethoven-Literatur, für die leider noch ein kritisch sichtender Katalog fehlt, und unermüdlich ist seit dem Erscheinen der Schindlerschen Beethoven-Biographie die Forschung bemüht, das Verständnis dieser so ganz einzigartigen Künstlerindividualität der Welt zu vermitteln. Die große von Thaver begonnene, von Riemann überarbeitete und vollendete Lebensbeschreibung des Meisters, die in drei Ausgaben vorliegende Sammlung seiner Briefe*), die zahllosen kleinen Monographien und Studien zeigen, wie lebhaft sich besonders das letzte Jahrzehnt mit dem Beethoven- Problem beschäftigt hat. Und gerade hundert Jahre, nachdem Goethe in einem vom .19. Juli 1872 datierten Briefe an Christiane sein Urteil über den Tondichter in die Worte zusammenfaßte: „Zusammengefaßter, energischer, inniger habe ich noch keinen Künstler gesehen; man kann begreifen, wie er zur Welt wunderlich stehen muß", ein Urteil, wodurch das bekannte an Zelter geschrieben von der „leider gänzlich ungebändigten Persönlichkeit" seine Ergänzung findet, erschien Paul Vetters „Beethoven", sozusagen der erschöpfende Kommentar zu den offenbar divergenten Aussprüchen des Dichters, das beste Buch wohl, das
*) von Kalischer (5 Bände), von Prelinger (4 Bünde), von E. Kastuer Volksausgabe (Hesses Verlag); ferner Ludwig Nohl, Beethoven-Brevier, 2. Auflage, bearbeitet von Soko- lowski (Seemann). Von Thayers Beethoven-Biographie wurde die von Riemann besorgte Neuauflage von Band 1 bis 3 benutzt.