Beitrag 
Die Tragik der Kleinstadt in moderner Dichtung :
(Ottomar Engking)
Seite
21
Einzelbild herunterladen
 

Zur Geschichte der modernen Arbeiterbewegung

21

In dieser Darstellung von Enkings reichem Schaffen ist entschieden das zu kurz gekommen, was seinerFamilie P. C. Behm" zu ihren zehn Auflagen ver- holfen hat: der plattdeutsche Humor seine Personen sprechen auch oft platt, die gemütvolle Liebe zum Alltäglichen, zu kurz gekommen ist auch seine herz­erquickende Gabe der Darstellung des Feinen, Zarten und Lieblichen, die besonders in der bezaubernd anmutigen Jünglingsschwärmerei des armen, schüchternem Buchdruckerlehrlings Truges Brammer für die junge, schlanke, vornehme Dänin Bodie Samsoe hervortritt, endlich auch das historische Interesse, das seine aus intimster Kenntnis (er ist Halbdäne!) erwachsene Darstellung des deutsch-dänischen Problems beanspruchen darf: so gibt er inWie Truges seine Mutter suchte" eine prachtvolle Schilderung der Schlacht bei Eckernförde. Aber solche Vorzüge haben auch andere Erzähler. Ganz Enking eigen scheint mir dagegen die un­erbittlich wahrhaftige und doch mit genialer Überlegenheit gestaltete Aufdeckung der mannigfachen Härten des kleinbürgerlichen Daseins, die junges Leben nicht zur Entfaltung kommen lassen. Er ist einer der besten Dichter der Tragik des Alltags. Gerade durch seine tendenzlose Ruhe kann dieser ernste, aus heiligstem Wahrheitsdrange schaffende Künstler ein Erzieher zur Humanität werden, das Höchste, was dem Schriftsteller beschieden sein kann. Wirkliche Kleinstadtphilister wird er freilich nicht bekehren felbst wenn sie ein Buch von ihm lesen sollten, was kaum anzunehmen ist! wohl aber den Philister, der auch den besten und scheinbar verständnisvollsten Eltern und Gatten im Blute steckt. Wenige haben die sittlichen Probleme der Ehe und der Familie so aus der Tiefe gefaßt wie Ottomar Enking*).

Zur Geschichte der modernen Arbeiterbewegung im letzten Jahrzehnt

von Heinrich Goh ring in Bremerhaven

(Fortsetzung)

Die österreichische Arbeiterbewegung ist infolge der großen kulturellen und wirtschaftlichen Verschiedenheiten der einzelnen Länder von jeher heftigen inneren Kämpfen und Zerwürfnissen ausgesetzt gewesen. Seit den Anfängen der sech­ziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bestanden schon eine größere Anzahl Gewerkschaften und Fachvereine, welche aber infolge der Überhandnähme des Anarchismus in ihren Reihen durch die Verhängung eines Ausnahmegesetzes seitens der Regierung wieder aufgelöst wurden.

") Die Werke Enkmgs sind erschienen Vei:^ Bruno Cassirer, Berlin; Georg Müller, München; C. Rechner, Dresden; Alfred Scholl, Berlin.