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Die Tragik der Kleinstadt in moderner Dichtung :
(Ottomar Engking)
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Die Tragik der Aleinstadt in moderner Dichtung

iDttomar Euking)

von Dr. Hachtmann in Dessau

ls 1903 EnkingsFamilie P. C. Behm" erschien, wurde der Autor als der berufenste einstige Fortsetzer von Raabes Lebens­werk freudig begrüßt. Man staunte über die Kunst der treuen Beobachtung kleinbürgerlichen Lebens in der Schilderung der kleinen Hafenstadt Koggenstedt, wo der biedere P. C. Behm seinen Kram­laden hat und über einem großmächtigen Schreibebrief an den Kaiser druckst, um Seine Majestät zur Schaffung eines Kriegshafens in dem Neste zu ver­anlassen. Man empfand die ganze schnurrige Kleinstadtwelt, die sich um diesen Philister gruppiert, als echt Raabisch. Wenn man aber Enkings gesamtes bisheriges Lebenswerk kennt, wird man anders urteilen. Tatsächlich stammt er aus einer ganz anderen Geistesfamilie.- Raabe ist ein Enkel Jean Pauls. Enking ist ein Enkel Flauberts. Nicht nur aus Liebe sieht er das Kleinstadt­leben so unglaublich scharf, sondern auch ja vor allem aus Haß. Gewiß liebt dieser Niederdeutsche die Kleinstadt mit echt niederdeutschem Behagen, aber er haßt zugleich die sich oft bis zur Härte steigernde Verständnislostgkeit, die in jedem Philisterdasein steckt. Weil dieses eben in der Kleinstadt am ungestörtesten zur Entfaltung kommt, deshalb wurde Enking zum Kleinstadt- schilderer. Ohne jene Liebe wäre der Künstler Enking im Ankläger unter­gegangen, ohne diesen Haß im Idylliker: beide zugleich machten ihn in seinen reifen Werken zum männlichsten unserer modernen Erzähler, denn ein rechter Mann muß lieben und hassen; und modern, d. h. ein Verkünder der Sehnsucht der heutigen Menschheit, ist er gerade in der Darstellung der Qual enger Ver- Hältnisse und der Sehnsucht nach Befreiung der eigenen Persönlichkeit. Freilich, auch Raabe kennt die unaussprechlich schmerzliche Bedrängnis des Schönen und Zarten inmitten der Brutalität des Alltags (vgl. seinenSchüdderump"!), aber man nimmt die Schicksale seiner Gestalten nicht so ernst, weil man sie alle nur durch den bunten Schleier seiner wundervollen Persönlichkeit sieht. Raabe hat eigentlich nur eine Meistergestalt geschaffen: sich selbst. Er war eben im Grunde seines Wesens ein philosophischer Lyriker, ein Selbstdarsteller. Enking dagegen ist von Grund aus Dramatiker, d. h. ein Darsteller fremder Charaktere, die