Maßgebliches und Unmaßgebliches
Biographien
Zur Lebensgeschichte von Karl Stanffer- Bcrn. Die besondere Geltung, die Karl Stauffer - Bern nach seinem Tode zugemessen ward, ist nicht aus dem Wert seiner künstlerischen Leistung allein erwachsen. Das verworrene Schicksal, in das sein Leben sich verstrickte, mußte eifrige Neugier rege machen, sein jähes Ende Schrecken und Mitleid auslösen. Und nun offenbarte es sich gar, daß der früh in voller Kraft Gebrochene von dem zähen Ringen seiner reifen Schaffensjahre in umfassenden Bekenntnissen selber Rechenschaft gegeben hatte. Aus dem Nachlaß der Frau, die sein Leben in die Irre geleitet hatte, kamen lange, reiche Briefe ans Licht und enthüllten leidenschaftlich durchlebte Werdeschmerzen, die als Vollreife Frucht nur eine bescheidene Zahl meisterlicher Werke der Griffelkunst gezeitigt hatten. Die Ideale, Erkenntnisse und Überzeugungen einer grundehrlichen und mit sich selbst unbarmherzig strengen Künstlernatur stellten sich so im Zusammenhang dar, und zugleich taten sich die Abgründe, in die sie die Mischung ihres eigenen Blutes und unselig sich verbündende äußere Mächte hinabgetrieben hatten, dem schauernden Verstehen auf.
Otto Brahm durfte damals Stauffers Aufzeichnungen zuerst veröffentlichen. Die Lebensskizze, die er ihnen zum Hintergrund gab, geriet ihm trotz allem sorgsamen Wägen, aller klugen Umsicht doch hart und nüchtern. Es fehlte ihr das Mitbeben eigener innerer Schwingung, die Wärme persönlichen Miterlebens. Und der Versuch, in die eigenste Welt des Künstlers einzudringen, die Rich
tungen und Ziele seines Schaffens zu umreißen, seine Entwicklung aus inneren Notwendigkeiten und aus sachlichen Bedingungen heraus zu begreifen und klarzulegen, war hier gar nicht unternommen. Aber einem solchen Verständnis war ja durch Stauffers eigene Bekenntnisse auf weite Strecken der sicherste Weg schon erschlossen. Die seltsame Verflechtung von persönlichem Temperament, künstlerischer Gesinnung und äußerer LebenS- fügung, die dieser starken Begabung ihr inneres und äußeres Schicksal bestimmt hat, wurde aus ihnen lebendig offenbar.
Das Buch war mit den Jahren in Vergessenheit geraten; nun ist eS neuerdings durch eine wohlfeilere Neuausgabe, Verlag von Meyer u. Jessen, wieder besser zugänglich gemacht worden. Seine ursprüngliche Fassung hat es aber unverändert beibehalten. Die Aufzeichnungen und Briefe Stauffers sind nirgends vermehrt oder ergänzt, wie man das hätte wünschen mögen und nach soviel Jahren vielleicht sogar hätte erwarten dürfen. Und vor allen Dingen hätte man sich nicht noch einmal auf die kargen Proben aus Stauffers Dichtungen beschränken sollen, die Brahm zusammengestellt hat. Nachdem schon Isolde Kurz*) in ihrer warmherzigen Würdigung des Dichters Stauffer bisher unveröffentlichte Stücke hat mitteilen dürfen, hätte eine reichere, unbefangenere Auswahl zum mindesten eine vollere Ahnung von dem Wesen dieser plötzlich elementar hervorbrechenden, in einem wilden
*) In den lebensreichen Rückblicken ihrer „Flvrentinischen Erinnerungen." (München, Georg Müller.)