Beiträge zu einer Psychologie der Arbeiter
427
Beiträge zu einer Psychologie der Arbeiter
Von Dr. D. Meyer in Berlin
ie Psychologie der Arbeiter ist noch ziemlich jungen Datums; obwohl die Wichtigkeit der psychologischen Betrachtungsweise für die Lösung der sozialen Frage auf der Hand liegt, ist ihre Methodik noch durchaus nicht geklärt und man sucht dem Problem auf den verschiedensten Wegen näher zu kommen. Zunächst begannen Gebildete durch den unmittelbaren Verkehr mit Arbeitern die Fragen aus eigener Anschauung kennen zu lernen; Bücher wie Paul Göhres „Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche" sind zur Einführung jedenfalls außerordentlich lehrreich, wenn auch ihr wissenschaftlicher Wert durch die immerhin kurze Beobachtungszeit und die subjektive Stellung des Autors beeinträchtigt wird.
Weit mehr objektiven Wert haben Autobiographien von Arbeitern, von denen im letzten Jahrzehnt mehrere erschienen sind; die bedeutendste ist wohl die von Göhre herausgegebene „Lebensgeschichte des Arbeiters Karl Fischer", für den Nichtfachmann vielleicht die beste Einführung in die Arbeiterpsychologie überhaupt.
Einen dritten Weg schlägt Dr. Adolf Levenstein ein, der Fragebogen an Berg-, Textil- und Metallarbeiter verschickte; einige von den Antworten veranlaßten ihn zur weiteren Korrespondenz und aus diesen hat er schon verschiedene außerordentlich interessante Beiträge zur Arbeiterpsychologie veröffentlicht*) und die Anregung zur Arbeiterdilettanten - Kunstausstellung (1. November 1909 bis 30. Januar 1910 in Berlin) empfangen. Die große Enquete des Vereins für Sozialpolitik über „Auslese und Anpassung der Arbeiterschaft der geschlossenen Großindustrie" fußt zuni Teil aus den Levensteinschen Fragenbogen, und so dürfte man auf die abschließenden Resultate dieser Erhebung in seinem Buch: „Die Arbeiterfrage mit besonderer Berücksichtigung der sozialpsychologischen Seite des modernen Großbetriebes und der psycho-physischen Einwirkungen auf die Arbeiter" (München bei Ernst Reinhardt, 1912, Preis 6 Mary mit Recht gespannt sein.
Levenstein versuchte durch die Beantwortung der Fragen:
a) was für Menschen prägt die moderne Großindustrie unter dem Drucke privatwirtschaftlicher Ökonomie?
b) welche Kräfte bilden das Gegengewicht einer etwaigen psychischen und physischen Entartung?
durch Arbeiter die soziale Frage überhaupt zu lösen. Die Fragebogen nun, von denen er achttausend versandte, wurden von fünftausendundvierzig Arbeitern beantwortet 63 Prozent) und zwar kamen für die ganze Unter-
") „Aus der Tiefe." Arbeiterbriefe. Beitrüge zur Seelenanalyse moderner Arbeiter. Herausgegeben von Ad. Levenstein 1909. — „Arbeiterphilosophen und -dichter." Herausgegeben von Ad. Levenstein 1909. — „Proletariers Jugendjahre." Herausgegeben von Ad. Levenstein 1909.
28»