Londoner Brief
von Freiherr Albrecht von lvocllwarth in London
Den 17. Mai 1913
er Aufenthalt des Präsidenten des englischen Geheimen Staatsrats Viscount Morlen of Blackburn in Berlin ist von so hochpolitischer Bedeutung, daß sich die Offiziösen gar nicht genug tun können, den privaten Charakter dieses Besuches zu betonen. Man erinnert sich dabei an die „Studien über deutsches Erziehungssystem", die seinerzeit der Zweck des Besuches Lord Haldcmes waren. Es liegt nahe, diese beiden Ministerreisen in eine Parallele zu bringen und man geht kaum fehl, wenn man ihre Motive für verwandt hält. Beide Sendungen sind Symptome einer Neuorientierung der englischen Auslandspolitik, den jüngsten Besuch Lord Morleys mag man sogar fast einen Beweis nennen. Nach der Krisis des Jahres 1911 hatte man in England mit Schrecken gesehen, wie nahe es an den Rand eines Krieges mit Deutschland geraten war. Die Anklagen der radikalen Presse gegen die gefährliche Politik einer einseitigen Stellungnahme gegen Deutschland haben ihren Zweck nicht verfehlt. Aber auch in unionistischen Kreisen machte sich eine plötzliche Ernüchterung geltend, die wesentlich ein Widerhall der Stimmung in den überseeischen Teilen des britischen Reiches war. In den Dominions des Reiches hatte man mit wachsender Besorgnis die Festlandspolitik König Eduards verfolgt, die England in ein Netz europäischer Verpflichtungen verstrickte und für sie die deutliche Gefahr in sich trug, in den Widerstreit der Festlandsinteressen hineingezogen zu werden. Gewiß ist man in Kanada und Australien bereit, mit Gut und Blut für die Sicherheit des Mutterlandes einzutreten, aber man sieht dort nicht ein, weshalb man wegen russischer Balkanträume oder französischer Revanchegelüste einen Krieg auf sich nehmen sollte. Die großen britischen Dominions sind zwar willig, ihren Teil Grenzboten II 1913 2<i