(Lhamberlains Goethe
von Privatdozent Dr. Richard Meßlöny in Genf
Motto:
Was sagen wir denn nun? Haben wir einen Borteil? Gar keinen. Denn wir haben droben bewiesen, daß beide, Juden und Griechen, alle unter der Sünde sind;
Wie denn geschrieben stehet: Da ist nicht, der gerecht sei, auch nicht einer;
Da ist nicht, der verständig sei; da ist nicht, der nach Gott finge; Sie sind alle abgewichen und allesamt untüchtig geworden; da ist nicht, der Gutes tue, auch nicht einer;
Ihr Schlund ist ein offnes Grab, mit ihren Zungen handeln sie trüglich, Otterngift ist unter ihren Lippen;
Ihr Mund ist voll Fluchens und Bitterkeit; Ihre Füße sind eilend, Blut zu vergießen; In ihren Wegen ist eitel Unfall und Herzeleid; Und den Weg des Friedens wissen sie nicht; Es ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen.
Paulus, Römerbrief I, 3. Kapitel, Vers 9 bis 18.
i iner unserer hervorragendsten Germanisten bemerkte gelegentlich, man könne keine deutsche Heinebiographie aufschlagen, ohne auf der ersten Seite zu merken, ob sie von „Barteles oder von Karpeles" sei. Mit dieser witzigen Lautangleichung zweier Namen, deren ^eine das Programm antisemitischer, deren andere das der semitischen oder philosemitischen Literaturforschung umsaßt, ist zugleich das Urteil über beide Richtungen gesprochen. Diesen höchst unerfreulichen und unfruchtbaren Gesichtspunkt trachtet nun Chamberlain") auch in die Goetheforschung hinein- zutragen, wo er wahrlich nicht aus dem Problemkreis herauswächst, sondern
") Houston Stewart Chamberlain: „Goethe", F. Bruckmann A.-G., München, 1912. 861 Seiten. 16 M.
Grenzboten I 1913 29