Alte und neue Hamletforschung
von Dr. Fritz R eck-Malleczewen in München
Über dem Gemälde hängt ein Flor; wir möchten ihn wegziehen, das Gemälde genauer betrachten; aber der Flor selbst ist gemalt. Börne.
rst mit Goethes Wilhelm Meister erwächst in Deutschland weiten Kreisen das Interesse für Hamlet. Und erst sein Erscheinen erschließt den Quell kritischer Produktion, der zunächst spärlich, allmählich aber immer energischer fließt. Heute scheint er langsam zu versiegen, nachdem inzwischen die Hamletliteratur zu einer kleinen Bibliothek herangewachsen ist.
Die Frage, das Hamletproblem I Welches Rätsel stellt diese Sphinx, an der heißes Bemühen sich so lange Jahre vergebens versuchte? . . . Vielleicht ist es das Rätselhafteste am Hamlet, daß die Fülle der Probleme eine Beantwortung der Hauptfragen immer unzulänglich und einseitig erscheinen läßt. Es ist fo, wie es immer ist, wenn man das innerste Wesen eines komplizierten Menschen ergründen will: glaubt man eine Formel dafür gesunden zu haben, sofort tauchen tausend neue Fragen auf und harren der Beantwortung.
Der Hamletforschung stand durch alle Zeiten ein Problem vornan: weshalb zaudert dieser sympathische, ethisch hochstehende Mensch mit der Ausführung eines Vorhabens, das ihm selbst von einem geliebten Munde, vor allem aber von dem eigenen Gewissen als sittliche Pflicht anbefohlen wird? Und weiter: weshalb dieser exzentrische Wechsel in den Äußerungen seines Temperamentes, die Periodizität dieser unvermittelten Übergänge aus tiefem Phlegma zur rasenden Exaltation?
' Wir wissen heute befriedigende Antworten auf diese Fragen. Nnr müssen wir dabei immer daran denken, daß es zu solchen Problemen nicht absolut richtige Lösungen gibt und daß andere Zeiten sie vielleicht anders lösen werden, je nach den Ideen, die den Menschen eben dieser Zeiten nahe liegen.
Genial hat, bevor Kleinere sich mit ihr beschäftigten, Goethe im großen und ganzen die Frage beantwortet, weshalb Hamlet so lange zögert und weswegen er schließlich zugrunde geht: „eine große Tat auf eine Seele gelegt, die der Tat nicht gewachsen ist."